03. Oktober 2019, 18:50 Uhr

Notaufnahmelager

»Spannende« Debatte um Museum

Eine Gedenkstätte im einstigen Notaufnahmelager Gießen könnte »Brücken bauen« zwischen Ost und West«. Das sagt Steffen Wiegmann bei der Feier zum Tag der deutschen Einheit.
03. Oktober 2019, 18:50 Uhr
Internationale Klänge zum Tag der deutschen Einheit: Das multikulturelle Orchester umrahmt die Feierstunde des Magistrats im Rathaus mit rund 200 Gästen. (Fotos: Friedrich)

Eine Feierstunde, die wirklich nur eine knappe Stunde dauert, Reden, die über Erinnerung und Mahnung hinausgehen, zum Schluss eine Nationalhymne mit Folk-Instrumenten: Kurzweilig gestaltet war die Veranstaltung des Magistrats zum Tag der deutschen Einheit. Im Gastvortrag bestärkte der Historiker Dr. Steffen Wiegmann die rund 200 Zuhörer, die Pläne für ein Museum im ehemaligen Notaufnahmelager am Meisenbornweg voranzutreiben. Dies sei ein »lohnenswertes Vorhaben, das für die gegenwärtige Gesellschaft hochrelevant ist«.

Oberbürgermeisterin Dietlind Grabe-Bolz plädierte im Hermann-Levi-Saal des Rathauses: »Wir müssen gemeinsam dafür eintreten, dass wir weiter zusammenwachsen und uns nicht auseinanderdividieren lassen.« Die SPD-Politikerin kritisierte die AfD: Diese benutze den Revolutions-Satz »Wir sind das Volk«, um Spaltung zu bewirken.

Grabe-Bolz skizzierte die 73-jährige Geschichte des Lagers. Nach dem Zweiten Weltkrieg als Provisorium eingerichtet, war es jahrzehntelang zentrale Aufnahmestelle für insgesamt 900 000 DDR-Übersiedler. Gießen wurde zum »Symbol der Hoffnung auf ein Leben in Freiheit«. Seit 1990 war der Meisenbornweg der hessische Ankunftsort für Flüchtlinge aus aller Welt. Im vergangenen Jahr zog die Hessische Erstaufnahmeeinrichtung komplett an die Licher Straße. Damit wird die alte Idee einer Gedenkstätte - die auch Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier ausdrücklich befürwortet - zur realistischen Möglichkeit.

Es beginne ein »spannender Prozess«, erklärte Wiegmann, der von 2017 bis 2019 als wissenschaftlicher Leiter des Museums Friedland Erfahrungen im Umgang mit Migrationsgeschichte gesammelt hat. Dort habe ein wissenschaftlicher Beirat Wesentliches beigetragen zur Diskussion über die wichtigsten Fragen: Welchen »Charakter«, welche »Tonalität« besitzt der Ort? Wen möchten wir erreichen? Welche »Erzählung« wollen wir wem vermitteln? In Friedland vergingen zehn Jahre zwischen dem Beschluss des Landtags und der Eröffnung des ersten Bauabschnitts des Museums.

Grabe-Bolz kritisiert AfD

Gießen und seine Aufnahmestelle böten viele interessante Aspekte. Beleuchten lasse sich etwa politische und persönliche Freiheit, das Lager als Ort eines Übergangs oder die Grenzen der Anpassung im Integrationsprozess. Vor allem aber könne man Geschichte zugänglich machen anhand »umwälzender emotionaler Erlebnisse«. Allein für 900 000 DDR-Übersiedler markiere die Stadt eine bedeutende »Zäsur« in ihrem Leben, so Wiegmann.

Die Umformung persönlicher Geschichten zur Erinnerungskultur berühre »die Identität der ganzen Stadt und Region«. Ein Museum am Meisenbornweg könnte »Brücken bauen« zwischen Ost- und Westdeutschland.

Musikalisch umrahmte das multikulturelle Orchester unter Leitung von Georgi Kalaidjiev die Feier. Kurze Collagen von europäischer Folklore und jüdischer Klezmer-Musik ließen viele Füße wippen, das Singen der Nationalhymne bildete den Abschluss.

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