22. März 2018, 06:00 Uhr

Trinkerszene

Spezielles Kirchenasyl vor der Gießener Pankratiuskapelle

Die Trinker- und Drogenszene rund um die Gießener Pankratiuskapelle sorgt für Diskussionen. Es gibt sogar Hinweise auf Straßenprostitution in der Nähe. Nachts wird ein weiteres Problem akut.
22. März 2018, 06:00 Uhr

Von Burkhard Möller , 2 Kommentare
Der Vorplatz der Pankratiuskapelle ist zu einem Treffpunkt der Trinker- und Drogenszene geworden. Die Kirche reagiert gelassen. (Foto: Schepp)

Aus Mittelalterfilmen kennt man solche Szenen. Die prunkvoll gekleidete Adelsherrschaft schreitet zum Gottesdienst und verteilt milde Gaben an die Armen, die Blinden und die Krüppel, die auf der Treppe vor der Kirche betteln. Ein bisschen fühlt man sich daran erinnert, wenn man momentan an der Pankratiuskapelle vorbeikommt. Denn vor dem Eingang der 1945 als »Notkirche« aus den Kriegstrümmern errichteten Kapelle versammelt sich seit geraumer Zeit tagsüber ein Teil der innerstädtischen Trinker- und Drogenszene. Das gefällt zwar nicht jedem Gläubigen, aber die evangelische Kirche wird dieses spezielle Kirchenasyl nicht beenden. »Die Pankratiusgemeinde wird niemand vertreiben«, sagt der evangelische Stadtpfarrer Klaus Weißgerber, der das Thema Trinker- und Drogenszene schon seit vielen Jahren beackert.

 

Gottesdienst nicht betroffen

Auch Weißgerber erinnert an die historische Bedeutung von Plätzen und Treppen vor christlichen Kirchen als Sammelpunkte und Schutzräume für die Armen und Entrechteten. Die sonntäglichen Gottesdienste seien von der Präsenz der Szene ohnehin nicht betroffen. »Sonntags gibt es dieses Thema nicht«, sagt Weißgerber.

Nach seiner Beobachtung halte die Gruppe auch Ordnung und lasse keine Scherben oder leere Bierflaschen zurück. Gleichwohl sei es »schwieriger geworden«, Teile der Szene anzusprechen. Bei der Gruppe vor der Kirche, die offenbar wegen Konflikten in der Szene bereits seit dem vergangenen Sommer auf den Vorbereich der Pankratiuskapelle als Treffpunkt ausgewichen sei, handele es sich hauptsächlich um Russischstämmige. »Zu den Leuten bekommt man einfach keinen Zugang, wenn neben Alkohol auch Drogen im Spiel sind.«

 

Hinweise auf Straßenstrich

Mit Blick auf die ständig wechselnden Schauplätze zwischen Nordanlage, Marktplatz und Asterweg spricht Weißgerber von einem »Dauerthema«, mit dem Anwohner, Geschäftsleute und die Akteure des »Runden Tisches Innenstadt« zu tun hätten. Eine Erklärung für die Konzentration des Problems in diesem Bereich sei gewiss das Alkoholangebot des kleinen Rewe-Markts am Marktplatz. Es gebe aber auch bauliche Gründe verweist der Pfarrer auf die Drogenszene, die sich am anderen Ende der Georg-Schlosser-Straße im Schutz der rückwärtigen Wand des Parkhauses der Galerie Neustädter Tor im vergangenen Jahr etablieren konnte. Es gebe mittlerweile auch Hinweise, dass dort vereinzelt Straßenprostitution stattfinde.

Alles Erscheinungen, die mittlerweile nach Meinung von Weißgerber oft genug beschrieben worden sind, auch bei Versammlungen mit den Anwohnern von Marktplatz und Kirchenplatz. »Es ist wie gesagt ein Dauerthema, mit dem wir mit den Mitteln, die zur Verfügung stehen, umgehen müssen.«

 

Nachts kommen die PS-Poser

Das sieht Bürgermeisterin Gerda Weigel-Greilich ähnlich. Nach den Rückmeldungen, die sie von den Mitarbeitern der aufsuchenden Sozialarbeit und des Ordnungsamtes erhält, sei das Problem »handelbarer« geworden. »Wir kümmern uns mehr und haben den Eindruck, dass die Szene für uns dadurch ansprechbarer geworden ist. Wir müssen immer im Gespräch bleiben und immer wieder nachsteuern. Vertreibungspolitik hilft überhaupt nicht weiter«, betont die Grünen-Politikerin. Die Stadtzentren seien eben die Orte, an denen suchtkranke Menschen neben Wohnraum auch ihre Substitutionsambulanz, Ärzte, Sozialeinrichtungen und eben auch ihre Cliquen fänden.

Und wie Weißgerber weist Weigel-Greilich darauf hin, dass die Trinker- und Drogenszene nur tagsüber sichtbar ist. »Nachts sind das völlig andere Gruppen, über die sich dann von Anwohnern wegen Lärm und Hinterlassenschaften beschwert wird«. Die Bürgermeisterin nennt zum Beispiel die »Autoposer«, die durch den Unfall in der Westanlage in den Blickpunkt geraten sind. Weigel-Greilich: »Und immer wird nach dem Staat gerufen, der die Probleme lösen soll.«

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