03. Dezember 2018, 11:12 Uhr

Radverkehr

Stadt Gießen plant Veränderungen für Radfahrer

Selbst die Oberbürgermeisterin hat ein mulmiges Gefühl, wenn sie mit dem Rad auf dem Anlagenring unterwegs ist. Auf der gemeinsamen Tour mit Redakteur Kays Al-Khanak kündigt sie Veränderungen an.
03. Dezember 2018, 11:12 Uhr

Von Kays Al-Khanak , 1 Kommentar
Ein Hoch auf den »Ara«: Der Aufstellbereich am Berliner Platz ermöglicht Radlern – wie hier Verkehrskoordinator Ralf Pausch, GAZ-Redakteur Kays Al-Khanak und Oberbürgermeisterin Dietlind Grabe-Bolz (v. l.) – einen Einstieg in den Straßenverkehr. (Foto: Schepp)

Kleinwagen, SUV und Transporter rauschen in Wellen eng ans uns vorbei. Ihr Dröhnen und Brummen durchschneidet die Luft. Unser warmer Atem steigt in der Kälte als Wölkchen auf. Diese kämpfen gegen die Abgasschwaden an, die uns um die Ohren gepustet werden. Wer mit dem Fahrrad den Anlagenring entlangfährt, muss starke Nerven haben. Selbst eine erfahrene Radfahrerin wie Dietlind Grabe-Bolz vermeidet es, dort unterwegs zu sein. »Ich fühle mich nicht sicher, habe ein ungutes Gefühl«, sagt sie. Trotzdem ist sie mit uns und dem Verkehrkoordinator der Stadt, Ralf Pausch, auf die Räder gestiegen, um eine Runde auf dem Anlagenring zu drehen. Denn dort wird das Dilemma für Radfahrer in der Stadt spürbar.

Der Straßenbau in Gießen ist nach dem Zweiten Weltkrieg wie in vielen anderen Städten auch in erster Linie für Autos konzipiert worden. Im Laufe der Jahre wurden Radfahrer immer mehr von der Straße in den Seitenraum gedrängt. Offiziell hieß es, sie sollten so geschützt werden. »Aber im Grunde genommen waren sie den Autofahrern schlicht im Weg«, sagt Pausch. Heute käme außerdem das Gefühl hinzu, dass es immer enger auf den Straßen werde. »Ein SUV ist sehr breit, und auch Autos wie ein VW Polo werden breiter gebaut«, sagt er. »Das kann für Radfahrer beklemmend sein.«

 

Stadt Gießen steckt in Dilemma

Offensichtlich wird dies auf dem Anlagenring. Vor allem auf der Teilstrecke vom Stadttheater zum Elefantenklo bis zum Arbeitsamt gibt es keine Radspur auf der Fahrbahn. Wer beispielsweise nah am rechten Rand fährt, für den stellen Abläufe, Gullydeckel, Bordsteine und Straßenschäden eine Gefahr dar. Wer zu weit in der Mitte der Fahrbahn unterwegs ist, spürt mehr als nur den Luftzug der Autos und Kleinlaster.

Die Stadt steckt in einem Dilemma. Wenn sie im Verkehrsraum etwas verändern will, muss sie einem der Teilnehmer etwas wegnehmen. Die Fahrbahn für Autofahrer wird dann zum Beispiel kleiner, Parkplätze fallen weg oder sind nicht mehr umsonst, Radwege werden anders geführt. »Im Fußgängerbereich ist kaum noch etwas möglich«, sagt Pausch. »Da müssten wir eher mehr Platz schaffen.« Grabe-Bolz nennt dies die Quadratur des Kreises. »Wir wollen alle Verkehrsteilnehmer berücksichtigen und einen Konsens finden, anstatt nach dem Motto ›Auto first‹ zu handeln.« Klar ist: Konfliktfrei ist ein Konsens selten erreichbar.

Große Würfe wie der Bahndamm-Durchstich oder der Rübsamen-Steg sind Ausnahmen in Gießen. Fahrradstraßen wird es nicht geben – mit einer Ausnahme. Die Goethestraße soll zu einer werden; weichen müssten dafür Parkplätze. Aber eine Fahrbahn nur für Radler bedeutet in der Regel mehr Autos auf den übrigen Spuren – und damit mehr Staus. Davon hat Gießen jetzt schon genug, gerade im Berufsverkehr. Es sind also kleine Veränderungen, die darauf aus sind, die Querungen durch die Stadt zu stärken.

 

Pläne für Grünberger Straße

Kleine Veränderungen stellen auch die Aras dar. Dabei handelt es sich nicht um die Papageienart, sondern um den »Aufgeweiteten Radfahreraufstellbereich«. Dieser findet sich rot markiert vor einer Ampel, auf der sich Radfahrer aufstellen können – vor den Fahrzeugen. So einen Ara gibt es auch am Berliner Platz. Bei unserer Spritztour ein komfortabler und leichter Einstieg in den Straßenverkehr. Wir brauchen keine Sorge zu haben, dass ein Rechtsabbieger uns vielleicht übersieht. Und die Abbieger müssen nicht warten, bis wir vorbeigestrampelt sind. Denn gerade in solchen Situationen ist die Unfallgefahr groß. Pausch sagt: »Als Radfahrer habe ich keinen Airbag, keine Knautschzone und erst recht keine sieben Leben.« Auch ein Grund, warum Grabe-Bolz defensiv und umsichtig fährt. »Als Radfahrerin bin ich immer in der schwächeren Position.«

Es ist ja nicht so, dass in Gießen für Radfahrer nichts passiert. Die Stadt will die Radspur im Wiesecker Weg fortsetzen. Außerdem soll die Westanlage zwischen Gabelsbergerstraße, Elefantenklo und Bleichstraße verstärkt angegangen werden. »Das wird nicht klappen, ohne den Autoverkehr einzuschränken«, sagt Pausch. Auf der Konrad-Adenauer-Brücke wird es eine Radspur geben. Ein Gefahrenpunkt ist auch die Grünberger Straße stadteinwärts. »Autofahrer merken die Schlaglöcher nicht, aber mich als Radfahrerin hebt es aus dem Sattel, wenn ich durch ein Loch fahre«, sagt Grabe-Bolz. Hier sollen für den unteren Bereich im kommenden Jahr die Planungen beginnen.

Schlagworte in diesem Artikel

  • Airbags
  • Arbeitsämter
  • Dietlind Grabe-Bolz
  • Emotion und Gefühl
  • Freizeitradsport
  • Gießen
  • Knautschzone
  • Radfahrer
  • VW
  • Kays Al-Khanak
  • Schlagwort zu
    Meine Themen

    Sie haben bereits 15 Themen gewählt

    Sie folgen diesem
    Thema bereits

Klicken Sie auf ein Schlagwort, um es zu „Meine Themen” hinzuzufügen oder weitere Inhalte dazu zu sehen.


1
Kommentare | Kommentieren

Bilder und Videos

Kommentare

Kommentar hinzufügen

Kommentar schreiben - Ihre Meinung zum Thema ist gefragt


Kommentare werden erst nach einer Prüfung durch die Redaktion veröffentlicht. Bitte beachten Sie die Netiquette sowie die Hinweise nach dem Absenden Ihres Beitrags.


Überschrift
Meine Meinung





Sie haben noch kein Login? Jetzt kostenlos registrieren.

Registrieren Sie sich kostenlos um Ihren Kommentar abzuschließen:

Wir garantieren Ihnen, dass alle persönlichen Daten nur beim Verlag intern verwendet werden und nicht ohne Zustimmung an Dritte weitergegeben werden.


Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:
Wieviel ist 31 - 1: 




Sie sind bereits registriert? Zurück zum Login.