21. August 2019, 21:47 Uhr

Stark gegen Rassismus

21. August 2019, 21:47 Uhr
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Von Christian Schneebeck
Schon im Alter von drei Jahren können Kinder Rassismus wahrnehmen und verunsichert reagieren, sagt Dr. Nkechi Madubuko. (Foto: csk)

Manchmal reicht ein einziger Satz. Einer wie: »Der Islam gehört nicht zu Deutschland.« Kaum hat ihn ein CSU-Innenminister ausgesprochen, entbrennt auch schon eine öffentliche Diskussion über Identität und Ausgrenzung. Über »wir« und »die«. Im Alter von drei Jahren könnten Kinder solche Stimmungen bereits wahrnehmen und verunsichert reagieren, sagte Dr. Nkechi Madubuko am Dienstagabend im Hermann-Levi-Saal des Rathauses. Schwerer wögen jedoch Erfahrungen mit Diskriminierung und Rassismus im Alltag. Wie damit umzugehen ist und welche Rolle Eltern und Lehrer spielen, erklärte die Soziologin in dem Vortrag »Empowerment als Erziehungsaufgabe«.

Je stärker Kinder wegen ihrer Hautfarbe oder ihrer Religion angefeindet würden, desto dringender bräuchten sie Orte der Selbstermächtigung (»Empowerment«). Im Laufe des Vortrags präsentierte Madubuko eine Reihe effektiver Werkzeuge für den Umgang mit Rassismus. Diese reichten - abhängig vom Alter - von »Spiegelungsmöglichkeiten«, das heißt Vorbildern, über das Erlernen emotionaler Distanz bis zur kritischen Dekonstruktion rassistischer Denkweisen. »Das Ziel«, sagte die Expertin, »ist immer, den Schubladen zu widersprechen, die einem die Gesellschaft vorgibt.« Dabei schade es, Rassismus-Erfahrungen »zu sehr in den Mittelpunkt zu stellen«. Schließlich lasse sich nicht alles darauf zurückführen, schon weil sich niemand »allein auf äußere Merkmale reduzieren« lasse.

Andererseits sei es leichtfertig, von Kindern erlebten Rassismus nicht ernst zu nehmen, betonte Madubuko, die über »Akkulturationsstress von Migranten« promoviert hat. »Nicht zu handeln bedeutet, die Dinge zu legitimieren.« In der Pflicht stünden nicht zuletzt jene, die selbst keinerlei Erfahrungen mit Diskriminierung machen. Die Rednerin, als Tochter nigerianischer Eltern in Gießen geboren, rückte besonders die Sensibilität für Sprache in den Mittelpunkt. Etliche Begriffe, unter anderem der oft zitierte »Migrationshintergrund«, seien »absolut nicht neutral« - würden allerdings permanent genutzt, als wären sie es. Bei einem umfassenden »Empowerment« hätten stets alle Menschen dazuzulernen: »Diskriminierung hat immer Betroffene und Zuschauer«, sagte die 47-Jährige.

In der anschließenden Debatte legten die Zuhörer das Hauptaugenmerk auf den schulischen Kontext. Eine Frau forderte, »Empowerment« (also Selbst-Ermächtigung) in das Leitbild jeder Schule aufzunehmen. Madubuko diagnostizierte hier eine »gewisse Gleichzeitigkeit«: Während manche Pädagogen engagiert gegen Rassismus und Diskriminierung kämpften, verhielten sich andere »eher gleichgültig«. Kinder und Jugendliche nicht zu »empowern«, könne freilich fatale Konsequenzen zeitigen und sie nicht nur in ihrem Selbstwertgefühl schwächen, sondern auch zu schlechteren Leistungen in der Schule oder sogar zu psychosomatischen Beschwerden und Krankheiten führen.

Wenngleich die deutsche Gesetzeslage »sehr klar« und jede Art von Diskriminierung eine Verletzung der Grundrechte sei, blieben Alltagsrassismus und Vorurteile mitnichten die Ausnahme, meinte Madubuko. »Schwarz sein und deutsch sein ist für viele Menschen nach wie vor ein Widerspruch. Aber de facto ist es keiner.«



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