30. September 2008, 23:56 Uhr

Statt »Egotrip ins Elend« Menschen Hilfe anbieten

Gießen (pd). Das zwiespältige Gefühl kurz vor dem Abflug gehört dazu. Einerseits möchte man sich noch bei allen Freunden und Verwandten verabschieden, muss einkaufen, packen und ein allerletztes Mal zum Zahnarzt. Auf der anderen Seite dominiert der Wunsch: Es soll jetzt endlich losgehen. Von diesem Zwiespalt hat auch Niels Stöber berichtet, doch Anfang vergangener Woche ist der 19-Jährige dort angekommen, wo er in den kommenden zwölf Monaten leben wird: in Kamerun.
30. September 2008, 23:56 Uhr
Niels Stöber arbeitet für »Weltwärts« in Kamerun.

Gießen (pd). Das zwiespältige Gefühl kurz vor dem Abflug gehört dazu. Einerseits möchte man sich noch bei allen Freunden und Verwandten verabschieden, muss einkaufen, packen und ein allerletztes Mal zum Zahnarzt. Auf der anderen Seite dominiert der Wunsch: Es soll jetzt endlich losgehen. Von diesem Zwiespalt hat auch Niels Stöber berichtet, doch Anfang vergangener Woche ist der 19-Jährige dort angekommen, wo er in den kommenden zwölf Monaten leben wird: in Kamerun. Der ehemalige Schüler der Gesamtschule Gießen-Ost, der im Sommer sein Abitur mit der Traumnote 1,0 abgelegt hat, wird mit dem entwicklungspolitischen Freiwilligendienst »Weltwärts«, einem Programm des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, ein Jahr in dem westafrikanischen Land verbringen.

Die Motivation, den Dienst in einem Kontinent zu absolvieren, in dem er noch nie zuvor war, entwickelte sich in der Schule. Im Leistungskurs Politik/Wirtschaft lernte er viel über globale Zusammenhänge und das Nord-Süd-Gefälle. »Ich war sehr beeindruckt«, berichtet Niels Stöber im AZ-Gespräch. Doch dabei wollte er es nicht belassen. »Man kann viel über solche Themen und Länder lesen, ohne sie tatsächlich zu «begreifen».« Der Abiturient wandte sich an den Deutschen Entwicklungsdienst (DED) und bewarb sich um einen Platz im »Weltwärts«-Programm.

Was er nicht wusste: Für die 280 freien Stellen gab es 1700 Bewerbungen. Doch offenbar war sein auf Englisch abgefasstes Bewerbungsschreiben so überzeugend, dass er zum Auswahlseminar nach Köln eingeladen wurde. Bei der zweitägigen Veranstaltung im Sommer ging es vor allem um das Arbeitsverhalten in der Gruppe und darum, mit Menschen zu kooperieren, die man vorher nicht kannte. Auch hier hat Niels Stöber die Entscheider überzeugt, sodass ihm eine Woche später per E-Mail die Zusage ins Haus flatterte. »Afrika hat mich von Anfang an mehr interessiert als Asien«, war ihm schnell klar, für welchen Erdteil er sich entscheiden würde.

Am vergangenen Montag ist Niels Stöber in Bamenda gelandet, der mit rund 450 000 Einwohnern viertgrößten Stadt des afrikanischen Landes. Er wird dort in einem von Kamerunern geleiteten Programm mitarbeiten, in dem Jugendliche in die Gemeindearbeit integriert werden sollen. Sport und Bildungselemente werden bei diesem Projekt ebenso eine Rolle spielen wie das Thema HIV oder soziale Probleme. Der 19-Jährige möchte sein Engagement so gestalten, »dass für beide Seiten etwas Nachhaltiges bleibt«. Auf keinen Fall will er seinen Aufenthalt in Kamerun unter dem Vorzeichen sehen, »einfach mal ein schönes Auslandsjahr« zu verbringen.

Dass der Start in einem für ihn völlig fremden Land so manches Problem mit sich bringen könnte, wurde bei einem Vorbereitungstreffen Anfang September erörtert. So kam zur Sprache, dass viele Europäer afrikanische Länder durch eine »kulturelle Brille« sehen und dass manche Kritiker die Teilnahme am »Weltwärts«-Programm als »Egotrip ins Elend« bezeichnen.

Stöber hat sich vorgenommen, »von dem, was ich mitnehmen werde, auch etwas zurückzugeben«. Dazu gehört für ihn außer dem Vorhaben, den Menschen Hilfe anzubieten auch die Auseinandersetzung mit den eigenen Privilegien, die man in Deutschland wie selbstverständlich in Anspruch nimmt. Auf jeden Fall möchte er das kommende Jahr komplett in Kamerun verbringen und den Urlaub nicht zum Besuch in Deutschland nutzen. Ganz ohne Kontakt zur Familie wird er allerdings nicht bleiben. »Meine Mutter und mein Vater haben ihren Besuch schon fest eingeplant.« (Foto: pd)



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