20. September 2018, 22:11 Uhr

Stufen-Alarm

Sie kann bestens laufen, hören und sehen. Aber Kornelia Steller-Nass ist es zur zweiten Natur geworden, sich in die Menschen hineinzudenken, die das nicht können. Sie setzt sich unermüdlich für Barrierefreiheit ein. Die 64-Jährige hat meistens gute Laune und lacht gerne. Aber sie kann auch ungemütlich werden. Alarmstufe Rot bei Hürden aller Art.
20. September 2018, 22:11 Uhr
(Foto: Schepp)

Mensch Gießen

Jeden Tag begegnen wir Gießenern, die uns zwar vertraut sind, die wir aber nicht kennen. Das wollen wir ändern: In unserer Serie »Mensch, Gießen« wollen wir einige dieser Gießener vorstellen.

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Wir treffen uns in einem Café in der Nähe des Wochenmarktes. Kornelia Steller-Nass hat kurzfristig ein anderes Lokal vorgeschlagen als das ursprünglich vereinbarte. »Hier haben wir mehr Sonne«, sagt sie. Stimmt. Aber es gibt noch einen anderen Grund. Hier stören keine Stufen. »Es macht mich wahnsinnig, wenn Hauseigentümern Barrierefreiheit gleichgültig ist«. Deshalb meidet sie Geschäfte und Restaurants, die nicht gut zu erreichen sind oder keine Behindertentoilette haben. »Jeder von uns kann morgen im Rollstuhl sitzen, auch der junge Schnösel, dem heute der barrierefreie Umbau seines Lokals zu teuer ist«. Die Vorsitzende des Gießener Arbeitskreises für Behinderte hat ein fröhliches Naturell, aber bei dem Thema ist sie schnell auf 180.

Ignoranz und Gleichgültigkeit kann sie nicht leiden. Sich für Schwächere einzusetzen, ist für die Buseckerin ein wichtiger Bestandteil ihres Lebens. Warum? Sie überlegt kurz. Sollte das nicht für jeden selbstverständlich sein? »Man kann doch solche schreienden Ungerechtigkeiten nicht einfach hinnehmen«. Trotz aller Rückschläge und so manchem Frust macht es ihr viel Freude, sich gemeinsam mit anderen zu engagieren. Sie fühlt sich verpflichtet, ihre Stimme zu erheben. Dabei argumentiert sie auf zwei Ebenen: einmal auf der menschlich-ethischen. Für sie ist es ein Gebot der gesellschaftlichen Solidarität, Teilhabe für alle einzufordern. Hinzu kommt die rechtliche Seite: Sie verweist auf die Behindertenrechtskonvention und pocht auf deren Umsetzung, wann immer es nötig ist. Für sie spielt es keine Rolle, ob sie in ihrer Funktion als Vorsitzende des Arbeitskreises oder als Privatfrau unterwegs ist: Wenn sie jemanden »mit zwei gesunden Beinen« auf einem Behindertenparkplatz entdeckt, stellt sie ihn zur Rede. Weggucken gibt es nicht.

Angefangen hat alles mit Walter Schneider, ihrem ersten Chef. Er ist »Schuld« daran, dass sie ein ausgeprägtes soziales Bewusstsein hat. Der Wiesecker war Geschäftsführer der Arbeiterwohlfahrt und saß für die SPD im Landtag. Er war ebenso pragmatisch wie cholerisch, hatte ein großes Herz und viel Durchsetzungsvermögen. Er erkannte das Potenzial seiner Mitarbeiterin und schickte sie als Stellvertreterin in verschiedene Gremien. »Mach mal, Mädchen«, lautete seine Direktive. Und das »Mädchen« machte.

Das tut sie bis heute. Und wie. Steller-Nass ist der Arbeiterwohlfahrt treu geblieben. Nachdem sie viele Jahre die Arbeit der Zivildienstleistenden koordiniert hat, ist sie heute für Bundesfreiwilligendienste und Ehrenamt zuständig. Immer wieder gelingt es ihr, mit Mitstreitern aus unterschiedlichen Bereichen, Menschen für ein Ehrenamt zu begeistern. Und mit Begeisterung ist sie auch selbst immer dabei: Früher begleitete sie häufig Familienfreizeiten, und noch heute organisiert sie mit Leidenschaft Ausflüge und Feste des Arbeitskreises. Den Kontakt mit behinderten Menschen möchte sie nicht missen. »Ich mag die Herzlichkeit, das Direkte und Fröhliche«. Auch mit alten Menschen ist sie gerne zusammen, sie kennt viele Bewohner des Albert-Osswald-Hauses persönlich und hält gerne ein Schwätzchen. Ihr ist es zu verdanken, dass es das »Ziegen-Projekt« gibt, noch denn es ist ihr gelungen, die Versorgung der Tiere am Albert-Osswald-Haus durch Ehrenamtliche sicherzustellen.

Dass sie sich selbst ehrenamtlich engagiert, ist für sie selbstverständlich. Seit 1992 ist sie Vorsitzende des Arbeitskreises, außerdem gehört sie der Initiative Demenzfreundliche Kommune und dem Seniorenbeirat der Stadt Gießen an. In ihrer Heimatgemeinde Buseck ist die Sozialdemokratin Gemeindevertreterin und ebenfalls im Senioren- und zudem im Behindertenbeirat tätig, außerdem gehört sie dem Kulturausschuss an. Für ihren Einsatz ist Steller-Nass bereits mit Bundesverdienstkreuz und Ehrenamtspreis der Hessen-SPD ausgezeichnet worden. Ein bisschen wundert sie sich darüber. »Ich habe mich immer gefragt, ob die wirklich mich meinen«, sagt sie und lacht.

Alle anderen haben sich nicht gewundert. Freunde und Kollegen nicht, Mann und Tochter schon gar nicht. Und auch die »verrückten Hühner« kennen ihre »Koni« nicht anders. Die Freundinnen treffen sich seit vielen Jahren, sie haben viel Glück miteinander geteilt und Kummer durchlitten. Wenn die »Hühner« miteinander verreisen, haben sie jede Menge Spaß – und beäugen kritisch jede Stufe vor Museen und Restaurants. »Koni« hat längst auf sie abgefärbt.

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