24. Dezember 2018, 16:00 Uhr

Anonyme Alkoholiker

Sucht macht auch an Heiligabend keine Pause

Süchtige sind 365 Tage im Jahr krank. Auch an Feiertagen. Deshalb haben die Anonymen Alkoholiker auch Heiligabend und Silvester geöffnet. Hier treffen sich Freunde, die einander verstehen.
24. Dezember 2018, 16:00 Uhr
Das erste Glas stehen zu lassen ist das Ziel - jeden Tag aufs Neue. (Foto: Fotolia)

Wer in die Kellerräume in der Bahnhofstraße 90 hinabsteigt, hat die größte Hürde schon genommen. Sich zu überwinden, ein Meeting der Anonymen Alkoholiker zu besuchen, ist für viele Betroffene eine Riesensache. »Das fällt jedem schwer«. Die Frauen und Männer am Tisch nicken. Die Süchtigen, das sind doch andere. Bis Betroffene sich eingestehen, dass da etwas nicht stimmt mit ihrem Trinkverhalten, muss der Leidensdruck schon sehr groß sein. Oft dauert das Leugnen so lange, bis der- oder diejenige am Boden liegt: Krank, ohne Job, ohne Familie, ohne Freunde.

Die Frauen und Männer der AA-Gruppe Gießen kennen das alles aus eigener Erfahrung. Vor den Feiertagen, das wissen sie, haben Alkoholiker den größten Bammel. Deshalb stehen ihre Türen offen: Für Stammgäste und für jeden Neuen. Auch Rita wird Heiligabend hier sein: »Ich habe niemanden mehr, für mich ist das hier Rettung und zweites Zuhause«. Helga dagegen hat viele Freunde, aber alle stammen aus dem AA-Milieu; die früheren Verbindungen gibt es nicht mehr. Auch für Werner ist klar, dass er zum Meeting kommen wird. »Es ist ein Tag wie jeder andere«. Nicht allen am Tisch geht es so: Da ist Jürgen. Er hat nach seinem Absturz wieder eine Frau kennengelernt, sein trockenes Leben ist ganz anders als das frühere. Er wird mit seiner Liebsten feiern. Auch Klaus ist nicht allein. Er hat sich nach langer Zeit mit seiner Frau ausgesöhnt, auch zu den Enkeln hat er wieder Kontakt. Für Michael ist Feiern im Familienkreis keine Option. »Weihnachten ist schwierig. Ich fühle mich fremd und alleine in der eigenen Familie«. Also geht der junge Mann Heiligabend zu den AA.

Früher habe ich Weihnachten nur im Suff erlebt. Mein Leben ohne Alkohol ist vier freier und reicher

Helga, AA-Mitglied

Und was passiert an diesem Abend in den Kellerräumen? Werden Weihnachtslieder gesungen, gibt es einen Baum? »Bloß nicht«, winkt Werner ab. Ein geselliges Beisammensein ist geplant. Erst Kaffee und Kuchen, später vielleicht Würstchen mit Kartoffelsalat. Und wie immer werden die zwölf Grundsätze vorgetragen, das ist das Programm der Anonymen Alkoholiker. »Wir geben zu, dass wir dem Alkohol gegenüber machtlos sind – und unser Leben nicht mehr meistern konnten«, das ist die erste und wohl wichtigste Erkenntnis. Wer sie verinnerlicht, kann endlich aufhören mit Entschuldigungen, Rechtfertigungen, Erklärungen vor sich und anderen.

Manche der Männer und Frauen der Anonymen Alkoholiker kommen fast täglich zu einem Meeting. In einer Krise, sagen sie, sind die Treffen überlebenswichtig. Ein Alkoholiker, so eine weitere Erkenntnis, bleibt es sein Leben lang. Es gibt keine Heilung, nur Abstinenz. Auch ein trockener Alkoholiker plant in kleinen Schritten: »Mein Ziel ist es, heute das erste Glas stehen zu lassen«. Die AA-Freunde helfen einander, das zu schaffen. »Ihnen muss man nicht viel erklären. Sie wissen genau, wie man sich fühlt«.

Weihnachten und Silvester haben alle früher nur im Suff erlebt. Aus ihrer jetzigen Sicht ein Alptraum. An diesen Tagen ist viel Alkohol gesellschaftlich »erlaubt«. Doch der Konsum eines Alkoholkranken ist immer selbstzerstörerisch. Und heute? Ist es nicht trist und öde, immer nur Wasser, Cola oder Kaffee zu trinken, wenn sich andere Wein, Bier oder Sekt gönnen? Helga lacht. »Nein, auf keinen Fall«. Mein Leben ist ohne Alkohol so viel reicher und freier«. Sie ist dankbar dafür, dass sie ihre Krankheit in den Griff bekommen hat. Dass sie vor vielen Jahren den Mut gefunden hat, die Treppe ins Kellergeschoss zu den AA hinabzusteigen, war der Beginn eines neuen Lebens.

AA-Termine

Treffen auch an Feiertagen

Text Text Text

Schlagworte in diesem Artikel

  • Alkohol
  • Alkoholiker
  • Feiertage
  • Gießen
  • Heiligabend
  • Krankheiten
  • Silvester
  • Suchtkranke
  • Weihnachten
  • Gießen
  • Christine Steines
  • Schlagwort zu
    Meine Themen

    Sie haben bereits 15 Themen gewählt

    Sie folgen diesem
    Thema bereits

Klicken Sie auf ein Schlagwort, um es zu „Meine Themen” hinzuzufügen oder weitere Inhalte dazu zu sehen.


0
Kommentare | Kommentieren

Bilder und Videos

Kommentare

Kommentar hinzufügen

Kommentar schreiben - Ihre Meinung zum Thema ist gefragt


Kommentare werden erst nach einer Prüfung durch die Redaktion veröffentlicht. Bitte beachten Sie die Netiquette sowie die Hinweise nach dem Absenden Ihres Beitrags.


Überschrift
Meine Meinung





Sie haben noch kein Login? Jetzt kostenlos registrieren.

Registrieren Sie sich kostenlos um Ihren Kommentar abzuschließen:

Wir garantieren Ihnen, dass alle persönlichen Daten nur beim Verlag intern verwendet werden und nicht ohne Zustimmung an Dritte weitergegeben werden.


Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:
Wieviel ist 20 + 2: 




Sie sind bereits registriert? Zurück zum Login.