04. September 2017, 20:22 Uhr

TV-Duell mit Apfelwein

04. September 2017, 20:22 Uhr
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Von Rebecca Hahn , 1 Kommentar
Mit Fußball wäre mehr los: Public Viewing zum Kanzlerduell im Biergarten. (Foto: rha)

Ob Fußball oder »Tatort«, Public Viewing geht eigentlich immer. Aber was, wenn statt Krimi das Kanzlerduell läuft, und nicht die Nationalspieler punkten wollen, sondern die Bundeskanzlerin und ihr Herausforderer? Wen zieht es dann noch in die Kneipen und Biergärten, und für wen wird mitgefiebert? Der Sonntagabend bot Gelegenheit, es herauszufinden.

Gleich mehrere Public-Viewing-Orte stehen zur Auswahl: Die CDU hat in die »Zwibbel« eingeladen, die SPD in den DGB-Dachsaal – parteipolitisch also beides kein neutrales Terrain. Um die Public-Viewing-Tauglichkeit des Kanzlerduells zu testen, führt der Besuch stattdessen in den Biergarten des Haarlems. Für jedes »Wir schaffen das!« der Kanzlerin soll es hier einen Schnaps aufs Haus geben.

Um kurz nach acht hat sich gut eine Handvoll junger Leute vor dem Haarlem versammelt. Das Tor ist noch verschlossen. Eine erste Umfrage ergibt: Von sieben Wartenden sind fünf für das Kanzlerduell hier, zwei wegen des günstigen Apfelweins.

Nico und Finn hoffen auf ein spannendes Duell. »Ich wünsche mir, dass endlich mehr Pfeffer reinkommt«, sagt Nico. Für ihn steht fest: Die CDU wird er auf keinen Fall wählen. Finn möchte mal Schulz’ Stimme hören: »Ich habe ihn noch nie sprechen gehört.« Das soll sich heute Abend ändern. Auch Finn hat schon eine Ahnung, welcher Partei er seine Stimme geben wird. Dass ihn das Duell noch umstimmen kann, glaubt er nicht.

Auf schöne Rhetorik hoffen Theresa, Maximilian und Billy. Maximilian glaubt, dass Schulz beim Thema soziale Gerechtigkeit punkten kann. »Grundsätzlich finde ich aber schade, wie das Duell aufgezogen ist«, sagt er. »Es wäre schöner gewesen, wenn auch Leute aus dem Publikum zu Wort kommen könnten. Schulz kann bei solchen Formaten zeigen, dass er gut mit Menschen umgehen kann. Merkel gelingt das oft nicht.«

Der Biergarten ist inzwischen geöffnet. Die Plätze auf den Bänken werden bezogen. Die beiden Frauen, die wegen des Apfelweins gekommen sind, setzen sich ganz nach hinten und achten gar nicht auf die Leinwand. Dort gibt es jetzt doch Fußball zu sehen: Im Vorspann schießt Schulz gerade Elfmeter. »Kann er auch im Duell verwandeln?«, fragt der RTL-Sprecher aus dem Off.

Es geht etwas holprig los. Schulz soll erklären, warum die Bürger kein Vertrauen in ihn haben, und antwortet, wie wichtig das Duell für die Entscheidungsfindung sei. Auch Merkel gibt auf ihre erste Frage, ob sie die All-Inclusive-Kanzlerin sei, eine eher ausweichende Antwort. Nach acht Minuten setzt Schulz beim Thema Flüchtlingspolitik zum ersten Angriff auf die Bundeskanzlerin an. Die verteidigt sich, greift mit ihrer Wortwahl aber ein wenig daneben. Im Biergarten ist das erste Lachen zu hören.

Zehn Zuschauer sitzen seit dem Beginn des Duells an den Tischen. Ein paar Nachzügler gesellen sich noch dazu, aber der große Ansturm bleibt aus. Die Sympathien im Publikum scheinen ganz klar Schulz zu gelten. Bei ihm wird über kernige Sprüche gelacht, bei Merkel nur, wenn sie sich verhaspelt oder zu langatmigen Vorträgen ansetzt. Kurz wird es unruhig unter den Zuschauern, als Sandra Maischberger zur Bundeskanzlerin meint: »Sie haben gesagt: Wir schaffen das.« Wird Merkel jetzt ihren berühmten Satz wiederholen, und es gibt Freischnaps? Die Runde geht leer aus – sie sagt es nicht noch einmal.

Merkel und Schulz diskutieren gerade über das Thema Familiennachzug für Flüchtlinge, als zwei junge Männer den Biergarten betreten. Ihr Blick geht Richtung Leinwand. Sie ziehen die Augenbrauen hoch, schauen sich an, drehen sich um – und gehen wieder. Das Szenario wird sich mit anderen Besuchern noch mehrfach wiederholen. Wenn das Publikum an diesem Abend repräsentativ ist, interessiert sich der Großteil junger Wähler offensichtlich nicht für Politik.

Kurz vor Schluss dümpelt das Kanzlerduell ein wenig vor sich hin. Die Blicke der Zuschauer gehen öfter auf ihre Smartphones als auf die Leinwand. Erst zu den Schluss-Statements hören alle wieder aufmerksam zu. Schulz wünscht sich Mut zum Aufbruch, Merkel will mit einer Mischung aus Erfahrung und Neugier überzeugen.

Im Haarlem hat Schulz das Duell für sich entschieden. »Er hat die Dinge klarer auf den Punkt gebracht«, sagt Maximilian. Auch Finn meint: »Schulz war auf jeden Fall charismatischer.« Ein großer Schlagabtausch war es aber nicht, da sind sich alle einig. Außerdem hätten wichtige Themen wie Klimapolitik, Energiewende und Brexit gefehlt.

Taugt Politik nun für Public Viewing? Für Interessierte durchaus, aber massentauglich scheint das Format Kanzlerduell – zumindest unter jungen Zuschauern – noch nicht zu sein.

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