17. Februar 2017, 20:30 Uhr

Tanz ist ihr Leben

Sie ist keine Primaballerina im klassischen Sinn. Das wollte sie auch niemals sein. Magdalena Stoyanova hat sich mit Haut und Haaren dem zeitgenössischen Tanz verschrieben. Esprit ist ihr Geheimnis. Und Energie, die aus jeder Pore pocht.
17. Februar 2017, 20:30 Uhr
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Von Manfred Merz
Ausdrucksstark ist auch ihr Gesicht: Magdalena Stoyanova als Penelope in dem Tanzstück »Penelope wartet« von Tarek Assam. (Foto: Wegst)

Es fing schon als Kind an. Das erste Spielzeug der kleinen Magdalena war ein Miniaturhandwerkerkoffer mit Hammer und Nägeln. Statt Kleidchen trug sie Hosen. Statt sich mit Puppen zu beschäftigen, kletterte das Energiebündel lieber mit den Jungs auf Bäume. »Oft kam ich nachmittags mit verschrammten Knien nach Hause«, sagt Magdalena Stoyanova und nippt an ihrem Kaffee. Der Kaffee muss schwarz sein und aromatisch, mit einer Prise Zucker. Stoyanova hat Prinzipien. Seit Jahren prägt sie mit ihrer katzenhaften Geschmeidigkeit die Tanzcompagnie am Stadttheater. Die 35-Jährige dient den jüngeren Kollegen als Vorbild. Sie gilt als Instanz. Ihr Rat ist gefragt.

Rat brauchte auch sie schon oft. Als Schülerin zum Beispiel. Der rhythmischen Sportgymnastik war sie zugeneigt, nicht dem professionellen Tanz. Mit fünf hatte sie damit begonnen, die Übung mit dem Band stand im Mittelpunkt. Doch in der bulgarischen Hafenstadt Warna, ihrem Geburtsort, gab es dafür keine Fördermöglichkeit. Stattdessen aber eine Ballettschule. Die zehnjährige Magdalena meisterte die Aufnahmeprüfung ohne Fehl und Tadel.

Auf Zureden ihrer Mutter absolvierte das Bewegungstalent die anspruchsvolle klassische Ausbildung. »Unsere Lehrerin brachte ein hohes Niveau mit«, sagt Stoyanova. In der benachbarten Oper folgten Auftritte. 1998 gewann sie in Sofia ihren ersten Ballettwettbewerb. Ein Jahr später machte der 1,64 Meter große Wirbelwind den Abschluss als Tänzerin und Tanzpädagogin.

Punktgenaues Timing lautet bis heute ein ihr auf den athletischen Leib geschriebenes Erfolgsgeheimnis. Doch Athletin will Stoyanova nicht sein. Auch als Künstlerin nicht. Sie legt Wert auf eine perfekte Performance. Die muss dynamisch sein, aber federleicht wirken, wie selbstverständlich.

Selbstverständlich war ihr Werdegang nicht. Nach einem Engagement in Warna folgte die Festanstellung am Nordharzer Städtebundtheater in Halberstadt – und damit der abrupte Wechsel vom klassischen Ballett zum zeitgenössischen Tanz. »Am Anfang war es sehr hart. Oft fühlte ich mich als Loser.« Doch Stoyanova wäre nicht die Frau, die sie ist, wenn sie nicht genau gewusst hätte: »Ich kann das, wenn ich will.« Natürlich wollte sie. »Das Tanzen prägte schon damals mein ganzes Leben.«

In Halberstadt knüpfte Stoyanova Bande nach Gießen. Von 2003 bis 2007 gehörte sie an der Lahn zur Tanzcompagnie des Stadttheaters. Es folgte eine Phase als Choreografin in Warschau. Ob die Choreografie etwas für ihre Zukunft ist? »Ich glaube nicht auf Dauer. Zurzeit mache ich gern Coaching mit Schauspielern.«

Stoyanova spricht leise, wenn sie von ihrem Leben erzählt, so verschafft sie sich Gehör. Sie denkt schnell und ist schlagfertig, hat Sinn für Humor. Ironie heißt ihr Steckenpferd.

2008 kehrte sie aus Polen zurück nach Gießen. Und ist dem Stadttheater bis heute treu. »Magdalena zählt zu den Leistungsträgerinnen unserer Compagnie«, sagt Tanzdirektor Tarek Assam über seinen Schützling. »Sie ist in ihrer künstlerischen Vielfalt immer wieder beeindruckend.«

Was bedeutet der Beruf für sie? »Tanz ist die Droge, die ich immer im Koffer habe«, sagt Stoyanova und streicht sich die Haare aus dem Gesicht. »Tanz lässt nie los, bereichert mich und fordert Lebenskraft, die ich wortlos gebe.«

Morgens um acht, wenn der Wecker klingelt, geht’s damit los. Um neun beginnen die Vorbereitungen aufs Training. Von zehn bis halb zwölf wird im Ballettsaal klassischer oder moderner Tanz geprobt. Danach ist kurze Pause. »Dann kann ich Nüsse naschen.« Gibt das nicht Figurprobleme? »Abnehmen ist mein Hobby.«

Von zwölf bis zwei stehen Proben auf dem Programm. Den Nachmittag hat Stoyanova frei oder bereitet sich auf ihre Rolle vor. Um 17 Uhr sitzt sie an Vorstellungstagen in der Maske. Um kurz nach sechs beginnt das Warm-up auf der Bühne. Dann hebt sich der Vorhang. An Tagen ohne Aufführung stehen zwischen 18 und 22 Uhr neuerlich Proben an. »Um 23 Uhr bin ich dann hoffentlich zu Hause.«

Stoyanova lacht. Sie gibt privat nicht die toughe Tänzerin, die sie auf der Bühne verkörpert. Schnell wird die Sensibilität sichtbar, die hinter ihren rehbraunen Augen schimmert. Was entspannt sie nach einem langen Tag? »Meine Kuscheltiere.« Darauf noch einen Schluck Kaffee. »Und ich höre leise Musik. Von Leonard Cohen.« Oder von Louis Armstrong. Oder dem Bulgaren Nelko Kolarov. »Und ich mag bulgarische Filme aus den 70ern. Aber ich müsste lügen, wenn ich behaupten würde, ›Pretty Woman‹ steht nicht auf der Liste meiner Favoriten.«

Bei »Pretty Woman« ist das Happy End programmiert. In modernen Tanzstücken nicht. Heute Abend feiert »Titus Andronicus – Ein Machtspiel« von Tanzdirektor Assam um 19.30 Uhr im Großen Haus Premiere. Magdalena Stoyanova verkörpert darin eine rachsüchtige, vom Leben gezeichnete Sklavin, die zur Königin aufsteigt. Sie wird in dieser zentralen Rolle wieder alles geben und Großes leisten. Und hinterher zu Hause in aller Stille ein paar Nüsse naschen.



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