13. September 2019, 06:00 Uhr

Mensch, Gießen

Theo Strippel: Abgestürzt und hochgekämpft

Theo Strippel ist ein Gießener Bub. Eine Kraftsportlegende. Dass er im Rollstuhl sitzt, hat ihn niemals aufgehalten. Doch der 57-Jährige kennt auch die Schattenseiten des Lebens. Ein Porträt.
13. September 2019, 06:00 Uhr
Leichtsinn und Alkohol haben Theo Strippel in den Rollstuhl gebracht. Das hat ihn aber niemals aufgehalten. (Foto: Schepp)

Der Kraftraum am Fuße des Heyerwegs ist ein archaischer Ort. Man riecht, dass hier Jahrzehnte lang schweißtreibender Sport getrieben wurde. Mit Erfolg, die Regale können die vielen Pokale kaum noch tragen. Die mit Zeitungsartikeln beklebten Wände zeugen ebenfalls von großen Zeiten, und wie es sich für eine anständige Muckibude gehört, räkelt sich hier und da auch eine nackte Frau auf einem Poster. Moderne Fitnessgeräte sucht man vergeblich, dafür türmen sich überall Hanteln. Kein Zweifel: Im Athletikclub Eulenkopf geht es nicht um straffe Pos oder ausdefinierte Sixpacks. Hier geht es einzig und allein darum, möglichst viel Gewicht in die Höhe zu stemmen. Und keiner war darin so gut wie Theo Strippel.

»Hi«, sagt der 57-Jährige, als er mit seinem Rollstuhl in den Kraftraum fährt. Der ACE-Vorsitzende begrüßt jeden seiner Schützlinge mit einem Stoß gegen die Faust. Sechs Männer und eine Frau sind es an diesem Abend. Man merkt ihnen an, dass sie Strippel verehren. Nicht nur, weil er Weltmeister und Weltrekordhalter im Bankdrücken war. Sondern auch wegen seiner freundlichen Art und seiner Kompetenz als Trainer. Vor allem aber, weil er es von ganz unten an die Spitze geschafft hat.

Auf Gummiinsel geboren

»Ich bin auf der Gummiinsel im Haus meiner Oma geboren«, erzählt Strippel. Als die Eltern sich einige Jahre später scheiden ließen, zog die Mutter mit dem Jungen an den Eulenkopf. Von einem sozialen Brennpunkt in den nächsten. Seinerzeit waren die Straßen rund um den Heyerweg tatsächlich noch ein Ghetto. Die Menschen hausten in Baracken, Arbeitslosigkeit und Kriminalität waren hoch. Aber es gab auch schöne Ecken. »Da hinten«, sagt Strippel und zeigt in die Richtung, aus der Motorenlärm in die Siedlung dringt. »Da war früher die Sandkaute mit zwei kleinen Seen. Ein echtes Naturparadies. Da haben wir Kinder Buden gebaut und gebadet.« Doch irgendwann wurde die Vertiefung zugeschüttet und planiert, heute führt die Autobahn hindurch.

Das klingt nach einer Metapher für den Niedergang, tatsächlich aber ging es mit dem Viertel bergauf. Verantwortlich dafür ist vor allem Prof. Horst-Eberhard Richter. Viele Jahre lang leistete der Psychoanalytiker hier mit seinen Studenten Sozialarbeit. Auch die Gründung des Kraftsportclubs geht auf sein Konto. Dank Richter wurde aus der einstigen Obdachlosensiedlung ein menschenwürdiger Ort. »Er war ein toller Mensch. Wir haben ihm viel zu verdanken«, sagt auch Strippel. Doch während die Siedlung aufblühte, ging es für ihn selbst bergab.

Vom Baum gefallen

Es ist der 25. Oktober 1980: Strippel ist 18 Jahre alt. Und er ist betrunken. In einer Kneipe fängt er Streit an. Als der Wirt die Polizei ruft, flüchtet Strippel. »Ich konnte schon immer gut klettern. Also bin ich die Eiche rauf.« Der 18-Jährige schaffte es bis nach oben, er konnte über die Dächer des Heyerwegs blicken. Und auf die Polizisten am Boden, die nach ihm suchten. Die Feuerwehr rückte an, auch Freunde und Familie versammelten sich unter dem Baum. Als Strippel irgendwann hinunterklettern wollte, brach ein Ast. Zwölf Meter tiefer schlug Theo auf dem Boden auf. Querschnittsgelähmt. Doch der wahre Absturz sollte erst noch kommen.

»Ist halt passiert. Schicksal«, sagt Strippel lapidar. Heute kann er locker über den Unfall sprechen. Aber damals hat ihn der Sturz völlig aus der Bahn geworfen. Er zerfloss in Selbstmitleid, der Alkohol brachte ihn fast um, mit Tabletten versuchte er nachzuhelfen. Strippel heiratete und wurde Vater, doch die Ehe hielt nicht lange. »Nicht der Rollstuhl war daran schuld, sondern ich allein«, sagt der Gießener rückblickend. »Ich war jung, wild und dumm. Ich habe alles zerstört.« Acht Jahre lang ging das so. Dann lernte er Birgit kennen. »Sie war meine Rettung«, sagt Strippel. Dank ihr kam er wieder in Bewegung. Erst Schwimmen, dann Rollstuhlbasketball. Den richtigen Sport sollte er aber eher unfreiwillig entdecken.

Wegen seiner Lähmung war Strippel häufig in Bad Wildungen zur Reha. Eines Tages sah er im Fitnessraum, wie ein paar Männer Gewichte hoben. Der Sporttherapeut Hans Knöller war es, der ihn ansprach. »Versuchs doch auch mal.« Gleich beim ersten Mal schaffte Strippel 107,5 Kilo. Knöller fiel die Kinnlade runter. Und so begann die große Leidenschaft im Leben von Theo Strippel.

In Kanada zum Weltmeister

»Ich liebe diesen Sport abgöttisch«, sagt der Gießener. Er kann stundenlang von seiner Zeit als Profi und Trainer erzählen. Seine Augen leuchten, wenn er an seinen ersten Europameistertitel denkt. 1995 war das, in Straßburg. Zwei Jahre später dann der große Triumph: Aus Kanada kehrte er als Weltmeister zurück, in der Eulenkopf-Siedlung wurde er wie ein Volksheld empfangen. Auch die Erfolge als Trainer der Weltmeisterin Tamara Althaus wird Strippel nie vergessen. Aber auch Niederlagen haben sich in sein Gedächtnis gebrannt. 1996 in Atlanta etwa, als er bei den Paralympics von einer Nierenbeckenentzündung lahmgelegt wurde. Oder die Schmach von Amberg, wo er bei der Weltmeisterschaft im eigenen Land versagte. Etliche Freunde waren mit nach Bayern gereist, die heimische Presse, das Fernsehen. »Und dann habe ich es verkackt.« Noch heute merkt man Strippel die Scham darüber an.

Strippel hat sein Leben lang Gewichte gestemmt. Erst 100, dann 200, später sogar 255 Kilo. Doch nicht jede Last lässt sich einfach wegdrücken. Bei seinem jüngsten Abenteuer hat er sich ordentlich verhoben.

Es ist das Jahr 2013: Strippel sitzt mit seinem langjährigen Kumpel Hans Röth im Auto. Und Röth hat Hunger. »Jetzt ne latscho goij kalle«, jetzt ne geile Bratwurst essen, sagt der Gießener Musiker - und bringt Strippel damit auf eine Idee. »Ich wollte einen Imbiss aufmachen. Oben an der Ecke zur Rödgener Straße, wo die Amis früher schon ihr Bier getrunken haben.« Und so nahm Strippel einen Kredit auf, kaufte eine alte Kirmesbude und baute sie zusammen mit Freunden rollstuhlgerecht um. Zwei Jahre später, am 30. Dezember 2015, war es soweit: »Theos Woscht Eck« öffnete die Pforten.

Bauchlandung mit »Woscht Eck«

Das Geschäft lief gut, das Fernsehen kam sogar, doch schlussendlich kostete die Arbeit mehr Kraft, als Strippel aufbringen konnte. Sein Puls spielte regelmäßig verrückt, die Gesundheit litt. »Ich hatte mir einfach zu viel zugemutet«, sagt der 57-Jährige. Wer weiß, wie ungern Strippel verliert, wird ahnen, wie sehr er unter der Schließung leidet. Bis heute. Auch die Schulden lasten noch auf seinen Schultern. »Aber immerhin: Ich habe etwas geschaffen. Die Bude steht noch.« Allerdings mit einem anderen Mann hinter dem Tresen.

Inzwischen geht es Strippel wieder gut. Das liegt auch daran, dass er sich seit einiger Zeit auf seine Tätigkeit als Trainer konzentriert. Selbst legt er sich nicht mehr auf die Bank. Zu gefährlich. »Viele Gewichtheber haben kaputte Schultern. Das kann ich mir nicht leisten«, sagt Strippel und klopft mit der Hand gegen den Reifen seines Rollstuhls. »Meine Arme sind meine Beine.«

Wie sein Leben ohne den Sturz verlaufen wäre? Strippel muss einen Moment darüber nachdenken. Offenbar stellt er sich diese Frage nicht sehr oft. Dann erzählt er stolz von seinen beiden Enkelkindern. Den beiden Chihuahuas. Und natürlich seiner Kerstin, mit der er nun schon einige Jahre zusammen ist. Im nächsten Jahr wollen die beiden heiraten. »Das Leben hat immer einen Sinn, einen Auftrag«, sagt der Gießener. »Mein Auftrag ist es, hier zu sein. Für die Leute.« Er meint damit seine Familie. Und den ACE. Man könnte den Satz aber auch auf den ganzen Eulenkopf übertragen.

Die alte Eiche stand übrigens all die Jahre in der Siedlung. Direkt neben Strippels Wohnung. Wie ein Mahnmal. Dann, vor drei Jahren, wurde sie gefällt. »Sie war kaputt«, sagt Strippel. Dann grinst er: »Habe ich den Scheißbaum doch noch überlebt.«

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