19. September 2017, 19:44 Uhr

Toleranz auf dem Prüfstand

19. September 2017, 19:44 Uhr
Cathérine Miville (oben Mitte) und ihr Team (im Uhrzeigersinn) Ewa Rataj, Dramaturgin Monika Kosik, Bühnenbildner Lukas Noll, die Schauspieler Lotta Hackbeil, Paula Schrötter, Karsten Morschett, Regieassistentin Teresa Rinn (Kostüme) und Schauspieler Christian Fries. In der Mitte sitzt Achmed-Darsteller Stephan Hirschpointner. (Foto: Schepp)

Gießen (gl). Wem »Frau Müller muss weg« gefallen hat, der wird auch »Willkommen« mögen. Beide Stücke stammen aus der Feder des Autorenduos Lutz Hübner und Sarah Nemitz, ersteres lief als Wiederaufnahme höchst erfolgreich am Stadttheater Gießen, letzteres wird dort im Großen Haus an diesem Samstag Premiere haben. Und das sogar erst wenige Monate nach der Uraufführung.

In »Willkommen« wird die Toleranz einer Wohngemeinschaft auf die Probe gestellt. Als Mitbewohner Benny für ein Jahr ins Ausland geht und sein Zimmer einer Flüchtlingsfamilie zur Verfügung stellen will, geraten seine Mitbewohner in Bedrängnis. Während Fotografin Sophie begeistert von der Idee ist, sind Banker Jonas und Angestellte Doro strikt dagegen. Studentin Anna will erreichen, dass ihr Freund und Vater ihres künftigen Kindes, Achmed, einzieht.

Intendantin und Regisseurin Cathérine Miville lässt die Protagonisten in einem von Bühnenbildner Lukas Noll gestalteten Hinterhofidyll zusammentreffen. Hier kommt es zur Auseinandersetzung darüber, wie nah die WG-Bewohner die Realität an sich heranlassen wollen – zwischen Betroffenheit und Ablehnung, zwischen politischer Korrektheit und Angst um das eigene Wohlgefühl. Ein »Richtig« oder »Falsch« gibt es in dieser Diskussion nicht wirklich, sodass die Zuschauer sich im schlagfertigen Pro und Kontra wiederfinden werden. Und sich dabei, typisch Hübner, auch bestens unterhalten fühlen können. »Die Komik ergibt sich aus der Hilflosigkeit«, beschreibt die Regisseurin im Vorabgespräch den Reiz des Stücks. Prallten in »Frau Müller muss weg« Eltern bei einem Elternabend in der Grundschule aufeinander, sind es nun Angehörige der Mittelschicht, die durch die Flüchtlingsthematik vor Herausforderungen gestellt sind. Dies sei schließlich auch in unserer Region eine typische Fragestellung, meint Miville, und verortet das Stück nicht nur in Gießen, sondern lässt ihren Darstellern bei der Gestaltung ihrer Figuren als Vertreter der unterschiedlichen Haltungen großen Spielraum zum Argumentieren.

Das Stadttheater Gießen ist nach der Uraufführung im Februar in Düsseldorf (Regie Sönke Wortmann) und einer Premiere am Renaissancetheater in Berlin das dritte Theater, das Hübners »Willkommen« aufführt. Allerdings steht das Stück derzeit auch auf zahlreichen anderen Spielplänen.

»Willkommen« ist eine Zusatzproduktion im Gießener Schauspiel und eingebettet in andere Veranstaltungen des Stadttheaters zum Thema: Nachdem am vergangenen Sonntag in der Reihe »Offene Gesellschaft« Bürger mit Bundestagsdirektkandidaten diskutieren konnten, wird am 3. Oktober im Theaterstudio eine szenische Einrichtung zum Grundgesetz stattfinden. »Willkommen« hat an diesem Samstag, 23. September, um 19.30 Uhr Premiere im Großen Haus. Weitere Vorstellungen folgen am 6. und 20. Oktober, 10. November, 3. und 30. Dezember, 27. Januar, 16. März und 22. April.

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