Jede Zeit hat ihre Exegese. Der Moses von heute lebt zum Beispiel im Silicon Valley, und um das gelobte Land zu finden, braucht er Suchmaschine und Navigationsgerät. Ganz so weit trieb Volker Jung die Parallelen zwischen Altem Testament und neuer Technologie am Dienstag bei der Evangelischen Studierendengemeinde zwar nicht. Im Prinzip plädierte der Kirchenpräsident der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau aber für eine enge Verbindung von Theologie und Digitalisierung – getreu dem Titel seines Vortrags »Digitalisierung theologisch betrachtet«.

Er selbst habe das Silicon Valley erst kürzlich besucht, erzählte der 58-Jährige. Dort habe er »den Geist der Leute aufgenommen« und »viel über deren Weltbild erfahren«. Ob in Sachen Mobilität, mit Blick auf die zukünftige Arbeitswelt oder medizinische Fragen: Immer gehe es ihnen um »echte Verbesserungsideale«, um »die grundlegende Veränderung des Lebens«. Selbst den Tod zu besiegen, sei längst nur noch ein Punkt auf der Agenda von Larry Page, einem der beiden Google-Gründer.

Die Brücke von der Technik zur Theologie schlug der Pfarrer, indem er den israelischen Historiker Yuval Noah Harari zitierte. Dieser beschreibt die Menschheitsgeschichte in »Homo Deus« als Prozess der Selbstermächtigung hin zu einem gottgleichen Wesen. Aus dem Homo sapiens wird schließlich der Homo deus, der Lebewesen nach seinen Vorstellungen erschafft, den eigenen Körper beliebig optimiert – und am Ende ewig lebt. Der Religion gestehe Harari in dieser Entwicklung kaum mehr eine Orientierungskraft zu, kritisierte der Kirchenpräsident. »Doch in Wahrheit stellen sich die großen Fragen unter den Bedingungen der Digitalisierung neu und vermutlich noch verschärft.«

Stichwort »ewiges Leben«: Hier halte der christliche Glaube eine »Gegenbotschaft« bereit, weil er gerade nicht das irdische Dasein als höchstes Ziel ansehe, sondern den Tod durch »eine Öffnung auf die himmlische Existenz« überwinde. In diesem Sinne müsse auch in der schönen neuen Welt gesichert sein, »dass Menschen Geschöpfe des Lebens sind und nicht Schöpfer«. Mehrfach betonte Jung, ihm gehe es keineswegs um »ein grundsätzlich verdammendes Urteil«. Im Gegenteil: Er sei »von manchem begeistert« und erkenne generell »viel Potenzial«.

Aus theologischer Sicht gelte es jedoch, »Mensch zu bleiben und nicht zum Gott zu werden«. Alles andere sei ein neuer Turmbau zu Babel. In diesem Spannungsfeld könne die Kirche »Ambivalenzen aufzeigen«, also »den Blick dafür schärfen, ob wir uns gestalten lassen oder selbst mitgestalten«. Und sie müsse ihre Ethik hervorkehren: Technik solle das Leben verbessern, »vielleicht sogar über eine Verbindung von Mensch und Maschine« – aber ohne typisch Menschliches wie »das Auf und Ab des Lebens« zu eliminieren. Sie könne womöglich Maschinen mit Bewusstsein bauen – allerdings nie das, was die Bibel »Geist« nenne.

In der folgenden Diskussion wurde es dann politisch. So kritisierte ein Zuhörer, ihm sei zu wenig über die Risiken der Digitalisierung gesprochen worden. »Ich sehe selbstverständlich enorme Probleme«, antwortete Jung. »Dass wir diese Welt in wesentlichen Teilen einer Handvoll großer Firmen anvertrauen«, sei eine der Gefahren.

Der Wunsch eines Redners nach einer »digitalisierten Moralisierung« brachte Jung zu einem Plädoyer für eine Kirche, die aktiv Orientierung bietet, statt sich zurückzuziehen: »Wir müssen nicht Protagonisten sein, aber wir müssen unsere Ideale zum Zug bringen.« (Foto: csk)

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