03. August 2018, 06:00 Uhr

Überfälle in Wieseck

Urteil in Wiesecker Raub-Serie: Aus der Haft in den Drogenentzug

Eine Serie von Überfällen hielt die Wiesecker vor einigen Monaten in Atem. Am Donnerstag wurde der Haupttäter verurteilt - und mit den teils schweren Folgen seiner Taten konfrontiert.
03. August 2018, 06:00 Uhr
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Von Eva Diehl
Die Dürer-Apotheke war eines von vier Geschäften in Wieseck, die der Verurteilte mit einer ungeladenen Waffe überfallen hat. (Foto: Schepp)

Ich möchte mich von ganzem Herzen entschuldigen. Mir war nicht klar, welchen Schaden ich bei Ihnen anrichte«, sagte der 25-jährige Angeklagten am Donnerstag vor dem Gießener Landgericht zu einer Zeugin. Ganze siebenmal brachte er diese oder ähnliche Worte hervor, um sich bei den Opfern seiner vier Raubüberfälle in Wieseck zu entschuldigen. Nicht alle Verkäuferinnen, Apotheker und Kundinnen nahmen das an. Zwei von ihnen sind auch Monate später noch in therapeutischer Behandlung, eine wechselte sogar die Arbeitsstelle. Auch aufgrund dieser schweren Folgen verurteilte das Gericht den geständigen Mann wegen schwerer räuberischer Erpressung zu fünf Jahren Haft. Einen Teil davon soll er in einer Entziehungsanstalt absitzen.

Mit verborgenem Gesicht und Schreckschusspistole hatte der Angeklagte zwischen Dezember 2017 und Februar 2018 in zwei Apotheken und einem Getränkemarkt in Wieseck Bargeld im Wert von insgesamt rund 2600 Euro erpresst. Bei einem Blumenladen ging er hingegen leer aus. Einigen hatte er gedroht, ihnen ins Bein oder den Fuß zu schießen, obwohl die Waffe nicht geladen war. Im März hatte er sich der Polizei gestellt. Nach Polizeiangaben habe es zuvor schon Hinweise auf ihn als möglichen Täter gegeben.

 

Täter kannte sich in Wieseck aus

Doch warum wählte er genau diese Ziele in Wieseck aus? »Es war einfach, und ich kannte mich aus«, sagte der Angeklagte, der des Öftern im Stadtteil bei seiner Schwester untergekommen war, da er selbst ein halbes Jahr lang ohne Bleibe war. Die Opfer beschrieben den Mann übereinstimmend als sehr nervös und unruhig. Wie er vor Gericht zugab, hatte er vor allen Überfällen Marihuana konsumiert und in zwei Fällen sogar Kokain genommen.

Der Mann war bereits als Jugendlicher verhaltensauffällig, ging auf eine Sonderschule und lebte im Internat. Drei Ausbildungen hatte er in verschiedenen Städten angefangen und wieder abgebrochen. Schwer straffällig war er zuvor nicht.

Durch seine Drogenabhängigkeit habe sich seine Persönlichkeit verändert, sagte ein psychologischer Gutachter über den Angeklagten. Seine Schuldfähigkeit sei jedoch nicht beeinträchtigt. Der Richter sah im Drogenkonsum das zentrale Motiv der Raub-Serie. Wie der Angeklagte zugab, hatte er mit dem erbeuteten Geld unter anderem Drogenschulden beglichen.

 

Einige Opfer verspüren noch Angst

Nach sechs Monaten Haft soll er zwei Jahre seiner Strafe in einer Entziehungsanstalt verbüßen. Zudem muss er das erbeutete Geld zurückgeben. Und die Opfer? »Davon kann ich mir nichts kaufen«, sagte eine Frau, die noch immer unter Angst leidet. »Ich hoffe, Sie kriegen die Kurve«, sagte ein Apotheker, der zwar beim Kassensturz noch manchmal aufschrecke, wenn sich die Ladentür öffnet, den Vorfall aber ansonsten überwunden habe. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.

Info

Zweiter Täter bereits verurteilt

Für mindestens einen Fall der Wiesecker Raub-Serie ist der 25-Jährige, der gestern vor dem Landgericht stand, wohl nicht verantwortlich. Ende Juni war ein 17-Jähriger wegen räuberischer Erpressung in einer Wiesecker Poststelle zu einem Jahr Haft auf Bewährung verurteilt worden. Er hatte im März 2018 mit einer Pistolen-Attrappe 200 Euro erbeutet. Später war er auf frischer Tat ertappt worden, als er die Schwanen-Apotheke ausrauben wollte. Der 17-Jährige und der 25-Jährige haben sich zwar gekannt, die Überfälle auf einen Getränkemarkt, zwei Apotheken und einen Blumenladen habe der 25-Jährige jedoch alleine begangen, sagte er dem Gericht.



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