18. März 2019, 19:00 Uhr

Hilfe bei Wunden

Viel mehr als »ein Pflaster drauf«

Die Wundexpertin Katja Happel erlebt oft Patienten, die einen langen Leidensweg hinter sich haben. Sie erklärt, warum »Herumexperimentieren« so gefährlich ist.
18. März 2019, 19:00 Uhr
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Von Christine Steines
Katja Happel versorgt eine Wunde am Fuß einer Patientin. (Foto: Schepp)

Die alte Dame ist am Fuß operiert worden. Im Krankenhaus gestaltete sich die Wundheilung zunächst gut. Da die 86-Jährige sich insgesamt in einem stabilen Zustand befand, erfolgte die Entlassung nach Hause. Der Hausarzt schrieb einen Therapieplan für den ambulanten Dienst, der täglich zu der alleinstehenden Seniorin kam. Dass die Versorgung nicht fachgerecht war, entdeckte man viel zu spät. Unter einer Nekrose, einer schwarzen Schicht abgestorbenen Gewebes, war es zu einer Blutvergiftung gekommen. Die Patientin wurde erneut ins Krankenhaus eingewiesen, fast wäre eine Amputation notwendig geworden.

 

Komplexer Prozess

 

»Wundheilung ist ein komplexer Prozess«, sagt Katja Happel, längst nicht alle Mediziner und Pflegekräfte kennen sich damit gut aus. Aus diesem Grund gibt es in vielen Krankenhäusern und Seniorenheimen Pflegekräfte, die sich zu Wundexperten weitergebildet haben. Auch im ambulanten Bereich finden sich diese Experten – aber sie werden längst nicht so oft zu Rate gezogen, wie es für eine optimale Versorgung der Patienten notwendig wäre. Das bedauert auch Thomas Viehmeyer, der ebenso wie Happel Wundexperte ist. Mit einer Kooperation und Vernetzung aller Beteiligten wäre schon viel gewonnen, sagt er. Es geht nicht nur darum, ein Pflaster aufzukleben oder einen Verband anzulegen. Der Gesundheitszustand des Patienten insgesamt spielt eine große Rolle, seine Erkrankungen, seine Ernährung, seine Medikation.

 

Antibiotikaresistenzen drohen

 

Ob eine Wunde gut heilt oder nicht, hängt von vielen Faktoren ab. Nach der ärztlichen Begutachtung kommt es auf die richtige Reinigung und Versorgung an. Wichtig ist es, dass der Behandelnde die einzelnen Phasen der Wundheilung kennt, jeweils das richtige Material wählt und es auch anwenden kann. »Das ist leider nicht selbstverständlich, hier wird viel Unsinn gemacht«, erklärt Happel. Die beiden Fachleute sind bei »BergerCare« tätig, einem »Homecare«-Unternehmen, das als Vertragspartner der Krankenkassen medizinische Hilfsmittel vertreibt. Gleichzeitig bieten sie in ihrem Beratungszentrum im Martinshof Anleitung und Betreuung zu Zusatz- und Sondennahrung, zu Stoma, Inkontinenzversorgung und vielem mehr. Auch Fort- und Weiterbildungen bietet »BergerCare« an – denn der Bedarf an Pflegekräften, die sich mit Wundmanagement auskennen, wird immer größer.

Dass liegt daran, dass Wundheilungsstörungen oft bei älteren Menschen auftreten. Häufig sind sie durch falsche Wundversorgung inklusive Infektionen – Dekubitus ist hier ein Stichwort – so geschwächt, dass der Allgemeinzustand erheblich leidet. Angesichts der demographischen Entwicklung wird es also in der Pflege immer wichtiger, sich mit diesem Fachgebiet zu beschäftigen. Aber auch Patienten mit Diabetes, Venen- und Gefäßleiden, Übergewicht oder einem geschwächten Immunsystem haben häufig Wundheilungsstörungen. Antibiotikaresistenzen spielen ebenfalls eine Rolle. Auch wenn Ärzte und Patienten in diesem Bereich bereits sensibilisiert seien und weniger Antibiotika verschrieben bzw. einnähmen, sieht Happel in diesem Punkt mit Sorge in die Zukunft. »Da kommt noch einiges auf uns zu.«

Spricht eigentlich etwas dagegen, dass man seine kleinen Schürf- und Schnittwunden selbst verarztet? »Nein, natürlich nicht«, sagt Happel. Für einen gesunden Menschen ist das kein Problem. Da darf es auch ruhig ein ganz normales Pflaster sein.

Info

Muss da Luft dran? Lieber nicht!

Trockene oder feuchte Wundbehandlung? Während die Empfehlung früher häufiger lautete »Lass Luft an die Wunde«, raten Experten heute davon ab. Denn eine Kruste beeinträchtigt eher den Prozess der Wundheilung und begünstigt die Narbenbildung. Die Kruste hat viele Nachteile: Sie ist ein Hindernis für neugebildete Zellen, sie behindert den Stoffwechselprozesse und begünstigt Infektionen. Das Prinzip der feuchten Wundheilung (z. B. mit Feuchtigkeitsgels) stammt ursprünglich aus dem klinischen Bereich und wird heute auch für die Behandlung von typischen Alltagswunden zu Hause empfohlen.



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