17. Juni 2019, 21:28 Uhr

Vom Übergriff erfährt zuerst die Freundin

17. Juni 2019, 21:28 Uhr
Die Wildwasser-Beratungsstelle ist wichtiger Ansprechpartner, wenn es um das Thema Missbrauch geht. (Symbolbild: dpa)

Eine Schülerin hat ihrem Freund per Handy ein Nacktbild von sich selbst geschickt. Nach der Trennung leitet er es an Klassenkameraden weiter, die halbe Schule spricht davon. Grapschen, beschimpfen, Gewalt: Beinahe 80 Prozent aller Jugendlichen haben Erfahrungen mit sexuellen Übergriffen, ergab die »SPEAK!«-Studie, die die Universitäten Gießen und Marburg vergangenes Jahr veröffentlicht haben. Und die meisten Jungen und Mädchen sprechen darüber zunächst nicht mit Erwachsenen, sondern mit einer Freundin oder einem Freund. »Deshalb wollen wir zunehmend Jugendliche nicht nur als Betroffene, sondern auch als Unterstützungspersonen ansprechen«, sagen Christin Schlathölter und Barbara Behnen von Wildwasser.

Vielfältige Angebote zur Prävention

Die Beratungsstelle gegen sexuellen Missbrauch hat in ihrem Tätigkeitsbericht für 2018 das Thema »Prävention mit Jugendlichen« in den Fokus gestellt. Der Titel »Lass nicht locker!« gibt den Appell eines Mädchens an Lehrer, Eltern oder Berater wieder. Denn auch wenn sich viele erst einmal Gleichaltrigen anvertrauen, seien in erster Linie die Erwachsenen in der Verantwortung, betonen die Fachfrauen.

Auf die Frage, was sie sich von erwachsenen Ansprechpartnern/innen wünscht, sagte das Mädchen bei einem Wildwasser-Präventionsprojekt: »Ich brauche jemanden, dem ich vertrauen kann. Sie müsste sich Zeit nehmen und mir zuhören. Mir glauben. Hartnäckig sein. Also, dass sie dranbleibt, nachbohrt und gleichzeitig meine Grenzen achtet. Einfach nicht lockerlässt und auch mal klar ist.«

Dieser Spagat sei natürlich eine Herausforderung, weiß Behnen. Schlathölter ergänzt: Es gehe nicht darum, immer gleich eine Antwort zu haben. Doch Jugendliche spürten, ob das Gegenüber für sensible Themen wie Gewalt offen und »handlungssicher« sind - oder ob sie Angst davor haben. In und um Gießen träfen sie verhältnismäßig häufig auf Menschen, die wissen, wie sie mit solchen Situationen umgehen. Das sei dem vorbildlichen Präventions- und Fortbildungskonzept zu verdanken.

Vielfältige Angebote in diesem Bereich kann man bei Wildwasser buchen, vom Aktionsspiel »Wissen macht stark« für Jugendgruppen über Elternabende zur Frage »Wie schütze ich mein Kind?« bis zum Präventionskoffer zur Unterrichtsgestaltung.

Der Tätigkeitsbericht gibt Einblicke in die Gedankenwelt der Jugendlichen, er erläutert Grundsätze der Arbeit sowie die Verankerung in den regionalen Strukturen. Außerdem vermittelt er einen Überblick über die Arbeit. Die meisten Zahlen sind etwa gleich geblieben. Im vergangenen Jahr wurden 380 Menschen aus der Region zu 260 »Fällen« in persönlichen Gesprächen beraten.

Ständig steigend ist der Bedarf an Gefährdungseinschätzungen beim Verdacht auf Missbrauch, Misshandlung oder Vernachlässigung. Vier Wildwasser-Mitarbeiterinnen sind als »insoweit erfahrene Fachkräfte« laut Gesetz anerkannt. Im Jahr 2018 fielen 209 solcher Einschätzungen an, 140 davon telefonisch. In jedem fünften Fall empfahlen die Expertinnen eine Meldung ans Jugendamt, in 70 Prozent weniger weitreichende Maßnahmen. Bei acht Prozent der Meldungen sahen sie keine akute Gefährdung des Kindeswohls.

Der Tätigkeitsbericht und viele weitere Informationen finden sich auf der Homepage www.wildwasser-giessen.de. Telefonisch ist die Beratungsstelle unter 06 41/7 65 45 zu erreichen.

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