10. Oktober 2019, 11:00 Uhr

Seelische Gesundheit

Warum wir gerne »dazugehören«

Der Mensch ist ein soziales Tier. Wie Gesellschaften ticken und warum der Anschluss an eine Gruppe so wichtig ist, erklärt der Gießener Sozialpsychologe Prof. Jan Häusser.
10. Oktober 2019, 11:00 Uhr

Blassrosa Haut, vorstehende Zähne und winzige Äuglein. Dem gängigen Schönheitsideal entsprechen Nacktmulle nicht. Kein Wunder, dass der Mensch sich lieber mit dem Tiger vergleichen würde, diesem erhabenen, prächtigen Raubtier. Tatsache ist jedoch, dass wir etwas Entscheidendes mit diesem schrumpeligen Nager gemeinsam haben: Um gesund und fit zu bleiben, brauchen wir die Gemeinschaft mit Artgenossen. Der Nacktmull, der etwa so groß ist wie eine Maus, wird über 20 Jahre alt. Vergleichbare Säugetiere sterben mit etwa zwei Jahren. Seine Langlebigkeit verdankt er unter anderem einer Eigenschaft, die man sonst von Ameisen und Insekten kennt: Er ist sozial und lebt in geordneten Staaten, in denen Arbeitsteilung herrscht.

Dass auch der Mensch ein soziales Wesen ist, war schon Aristoteles bekannt. Die moderne Sozialpsychologie beschäftigt sich ebenfalls mit dem Wunsch des Menschen, Anschluss an andere zu finden, schilderte Prof. Jan Häusser bei einem Vortrag im Rahmen der »Woche der seelischen Gesundheit« in der Klinik für Psychiatrie der JLU. Schon in der Steinzeit war es überlebensnotwendig, sich mit anderen zusammen zu schließen, und noch heute streben Menschen danach, Gruppen zu bilden. Freunde, Familie, Vereine, Parteien, kollegiale Teams. »Anschluss bedeutet Schutz und Trost«. Dieses Grundbedürfnis gehört neben Macht und Leistung zu den Motoren, die den Menschen antreiben. In Versuchen hat sich gezeigt, dass Menschen ein für sie unangenehmes Erlebnis besser verarbeiten können, wenn sie es zusammen mit anderen durchstehen. Das funktioniert um so besser, je mehr Gemeinsamkeiten es mit den anderen Teilnehmern gibt. Ein gleichfarbiges T-Shirt, ein gemeinsames Motto, ein Gruppenfoto - solche identitätsstiftenden Faktoren tragen dazu bei, Schmerz und Angst zu reduzieren. In den 50er Jahren setzte man Probanden Stromschlägen aus, um den Stress zu testen, in aktuellen Studien, die Häusser und seine Mitarbeiter erarbeitet haben, ging es um Bewerbungsgespräche unter extrem unangenehmen Bedingungen. Immer dann, wenn die Teilnehmer einer Situation alleine ausgesetzt waren, stieg der Stresslevel.

Ein interessantes Phänomen dabei ist, dass die Gruppe sogar dann extrem bedeutsam ist, wenn der Proband von der Gruppe abgelehnt wird oder Ausgrenzung erfahren hat. So hat sich bei Computerspielen gezeigt, dass eine Kränkung stattfindet, sobald man vom Spiel ausgeschlossen wird. Diese Erfahrung macht ein Mensch bereits im Kindergarten: Wenn er nicht mehr mitmachen darf, so tut das weh, selbst wenn die anderen Kinder gar nicht seine Freunde sind. Dieses Gefühl ist tief im Menschen verwurzelt. Sicher hilft es einem Erwachsenen, wenn er die Situation reflektiert und sich vergegenwärtigt, dass er auf die Zuneigung der ablehnenden Gruppe gar nicht angewiesen ist, aber zunächst verspürt er den Schmerz, dass ihm die Solidarität der Gruppe entzogen wird. Das verursacht Stress, reduziert das Wohlbefinden und macht anfälliger für Krankheiten. »Dazugehören« ist existenziell, in jedem Alter.

Psychische Erkrankungen wie Depressionen oder Angststörungen, erklärt der Psychologe, sind oft nicht nur die Konsequenz von Einsamkeit und sozialem Ausschluss, sondern auch eine Ursache - die Patienten ziehen sich zurück, weil sie das subjektive Empfinden haben, ausgeschlossen zu sein. Ein Teufelskreis. Wie kann eine Lösung aussehen? Referent und Publikum waren sich einig, dass es hier nur individuelle Wege gibt, die der Gesamtpersönlichkeit des Patienten entsprechen müssen.

Und was ist mit Einsiedlern oder »einsamen Wölfen«? Warum verspüren sie nicht das Bedürfnis nach Anschluss? Auch darauf gibt es bisher keine klaren Antworten. Ein weites Feld für weitere Studien.

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