16. August 2018, 11:00 Uhr

Wohnbau

Was verdient der Wohnbau-Chef?

Weniger Gewinn, dafür eine satte Gehaltserhöhung für den Chef? Ein Blick in den Geschäftsbericht der Wohnbau Gießen wirft Fragen auf. Nun bezieht Reinhard Thies Stellung.
16. August 2018, 11:00 Uhr
Reinhard Thies verdient künftig deutlich mehr – nach Jahren der Unterbezahlung. (Foto: ep)

Der Jahresabschluss der Wohnbau für 2017 weist ein Plus von 1,89 Millionen Euro aus. Im Vorjahr waren es noch 3,84 Millionen. Ein Gewinnrückgang um gut 50 Prozent. Das klingt nach einem schlechten Jahr. Geschäftsführer Reinhard Thies sieht das jedoch anders. »Wir haben in 2017 einen geringeren Gewinn erwirtschaftet als im Vorjahr, das stimmt. Das liegt in erster Linie daran, dass 2016 einen unerwartet großen Ausschlag nach oben dargestellt hat.«

Als er 2014 bei der Wohnbau angefangen hat, habe das Plus bei lediglich 1,27 Millionen Euro gelegen, in den Folgejahren sei es unter anderem durch Kosteneinsparungen kontinuierlich gesteigert worden. Die niedrigen Zinsen hätten ebenfalls zum hohen Gewinn im Vorjahr beigetragen. »Jetzt kommen wir auf ein gutes Normalmaß zurück, das noch immer über den Werten der Vorjahre liegt.«

Vorjahre "außerordentlich gut"

Thies betont in diesem Zusammenhang aber auch, dass die jährliche Erhebung der Zahlen auf dem Gebiet des sozialen Wohnungsbau nur bedingt Aussagekraft besäße. Vielmehr würden Langzeitwirkungen eine Rolle spielen. Beispiel: Von der Planung eines Hauses bis zum ersten Spatenstich könnten durchaus mehrere Jahre vergehen. Die Ausgaben, zum Beispiel für den Ankauf eines Grundstücks, würden sich dann jedoch lediglich auf den Geschäftsbericht eines einzelnen Jahres auswirken. Zusammengefasst: 2017 war laut Thies nicht außergewöhnlich schlecht, vielmehr waren die Vorjahre außergewöhnlich gut.

 

Das Gehalt des Geschäftsführers wird im Jahresbericht ebenfalls angegeben. Es steigt von 119 000 Euro auf 146 000 Euro und somit um knapp 22 Prozent. Stefan Kaisers, der Vorsitzende des Gießener Mietervereins, stellt daher in einer Pressemitteilung die Frage nach der Angemessenheit. Thies dazu: »Bevor ich hier angefangen habe, war das Geschäftsführergehalt deutlich höher. Zu jener Zeit war es der Wille des Aufsichtsrats, einen erheblichen Dämpfer einzuführen. Das habe ich akzeptiert.«

Zielvorgaben erfüllt

Schon damals sei jedoch eine Gehaltserhöhung in Aussicht gestellt worden, nämlich dann, wenn Thies nach drei Jahren bestimmte Zielvereinbarungen erfüllt haben sollte. Dies hat er getan, zumindest kommt der Aufsichtsrat zu diesem Ergebnis. In einem diesbezüglichen Beschluss heißt es: »Die bei Vertragbeginn in Aussicht gestellte Überprüfung der Erreichung von Zielvereinbarungen (...) wird als voll umfänglich erfolgreich abgeschlossen.« Oberbürgermeisterin und Aufsichtsratsvorsitzende Dietlind Grabe-Bolz beurteilt die Gehaltserhöhung daher als angemessen.

In einer Stellungnahme verweist sie zudem auf eine Auskunft des Verbands der Wohnungs- und Immobilienwirtschaft, wonach das Bruttojahresgehalt von Personen in vergleichbaren Positionen zwischen 130 000 und 145 000 Euro liege. Somit hat Thies die vergangenen drei Jahre unterdurchschnittlich verdient. Zudem betont die Oberbürgermeisterin, dass Thies mit dem Mieterservice der Wohnbau eine weitere Geschäftsführung innehabe – ohne jegliche Boni, Zulagen oder weitere Verträge.

Soziale Miete

Die Belegungsbindung war zuletzt mehrfach Thema in Gießen. Unter anderem, weil das Land Hessen den Erwerb von Belegungsrechten für weitere 80 Wohnbau-Wohnungen fördert. Mietervereins-Vorsitzender Kaisers merkt diesbezüglich an, dass gleichzeitig viele Wohnungen in den vergangenen Jahren aus der Belegungsbindung herausgefallen seien. »Das stimmt. Aber was die Wohnbau angeht, werden alle Wohnungen, die nicht mehr in der Bindung sind, im Sinne einer Sozialwohnung weitergeführt«, sagt Thies und verweist in diesem Zusammenhang auf die von ihm eingeführte »soziale Miete«, die eine Kappung auf 6,50 Euro pro Quadratmeter sowohl für Bestands- als auch für Neumieter beinhaltet.

Thies: »Der sozial geschützte Bestand an Wohnraum schmilzt. Die Wohnbau versucht jedoch, durch selbst auferlegte Bindungen das Segment zu schützen. Gleichzeitig nutzen wir aber auch die neuen Spielräume bei Mieterhöhungen.« Soll heißen: Langjährige Mieter, die teils unter vier Euro pro Quadratmeter bezahlten, müssten nach Modernisierungen auch mal mit Mieterhöhungen von 15 Prozent rechnen. Danach seien sie oftmals immer noch deutlich besser gestellt als manch Nachbar, der in vergleichbaren Räumen wohne.

Mieterverein: Bedenken und Zustimmung

Die durchschnittliche Miethöhe bei der Wohnbau liegt bei 5,39 Euro pro Quadratmeter, wobei die Bandbreite von 3,80 Euro bis 12 Euro reicht, letzteres im Dachcafé-Wohnhaus. »Man wohnt bei der Wohnbau immer noch vergleichsweise preisgünstig«, sagt Kaisers in diesem Zusammenhang, schiebt aber auch gleich einige Kritikpunkte hinterher: »Der Anteil der Mieten, die zwischen 7 und 10 Euro liegen, nimmt deutlich zu. Das ist das Ergebnis der kontinuierlichen Schrumpfung der Zahl der Sozialwohnungen.« Es gibt noch weitere Punkte, die Kaisers nicht gefallen. Beispielsweise die seiner Meinung nach »vielfach überzogenen energetischen Modernisierungen«, was die Mieten stark nach oben treibe. Zudem bemängelt Kaisers, dass der Bau der geplanten Wohnungen in der Margaretenhütte viel zu lange dauere.

Aber der Vorsitzende des Mietervereins hat auch lobende Worte für den Geschäftsbericht der Wohnbau übrig: »Insgesamt, das zeigen die Zahlen in der Bilanz, steht die Wohnbau solide da, sie verfügt über eine gute Eigenkapitaldecke, hat genug Mittel für Investitionen, auch für ihr ambitioniertes Neubauprogramm.« Zumindest in diesem Punkt dürfte er die volle Zustimmung von Thies erhalten.

Zusatzinfo

Wohnbau: 2017 auf einem Blick

Wohnungsbestand: 7124 Einheiten Anzahl Mieter: 14 960 Personen Durchschn. Miethöhe: 5,39 Euro pro qm Mieteinnahmen: 29 Millionen Euro Gesamtkapital: 225 Millionen Euro Investitionen: 21 Millionen Euro Instandhaltungskosten: 13 Millionen Euro Rücklagen: 39 Millionen Euro Gewinn: 1,89 Millionen

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