31. Juli 2018, 21:48 Uhr

Weltsicht eines Klavierhockers

Bereits 2012 erzählte der Ex-Gießener Ulrich Reukauf beim Interview davon, dass er an einem Buch schreibe, in dem es »um das Verhältnis des Klavierstuhls zu seinem Klavier« gehen sollte. Kürzlich war er wieder auf Stippvisite in Gießen und brachte sein frisch gedrucktes Buch mit.
31. Juli 2018, 21:48 Uhr
Ulrich Reukauf präsentiert sein Buch vor dem Alten Schloss – in bester Gesellschaft der Gießener Köpfe von Georg Büchner (l.) und Ludwig Börne (r.). (Foto: dkl)

Ulrich Reukauf lebt schon lange nicht mehr in Gießen, hält aber Kontakte zu Freunden. Berufe übte er mehrere aus: Klavierstimmer, Künstler, Galerist, Sozialwissenschaftler, Universitätsdozent und Unternehmensberater. Jetzt kommt der Buchautor dazu.

Unter dem Titel »Selbstfindung oder die Kraft der Mimesis« ist auf dem Cover das Foto eines Klavierhockers zu sehen, das Klaviertasten auf der Sitzfläche hat. Die Unterzeile ist komplexer: »Metamorphose eines Kleinmöbels im Schatten der Klaviatur des Lebens«. Das klingt nach Musik, Philosophie und Sprachjonglage. Aber das wissen frühere Freunde und Bekannte ja, dass Reukauf bei den Vernissagen in seiner Galerie artistische Wortgefechte mit dem nicht minder wortgewaltigen Hans Michael Kirstein zelebrierte. Dieser hat für das Buch einige Karikaturen beigesteuert.

Karikaturen von Kirstein

Wie kam er zum Schreiben des Buchs? Durch einen seiner absurd-intellektuellen Einführungsvorträge. Reukauf stellte seine Kunstobjekte, und das waren eben Teile aus Klavieren nebst dazugehörigen Hockern, gern mit einer Performance vor. Dafür sprang er schon mal ins Wasser und fischte das legendäre Nymphen-Piano aus dem Hebeler See in Wetzlar. Oder er präsentierte Kunst mit pseudowissenschaftlichen Vorträgen. Das kam spielerisch daher, war aber tiefschürfend. Die Leiterin der Phantastischen Bibliothek in Wetzlar, Bettina Twrsnick, ermunterte ihn seine Grundidee »Weltsicht eines Klavierhockers« weiterzuspinnen und daraus ein Buch zu machen.

Das hat einige Jahre gedauert. Mal hat er intensiv daran gearbeitet, dann ruhte das Skript wieder. Nun hat es Form angenommen. Es ist kein Buch, das man in einem Rutsch durchlesen kann, daher empfiehlt es sich, die Gebrauchsanleitung vorab zu beachten. Man muss Schachtelsätze verstehen können und Satire mögen. Die Bezüge sind komplex, manche Gedankenwindung verschroben, der Witz hintergründig. »Das Lachen kommt oft erst eine Weile später«, so seine Beobachtung.

Es sei auch eine Gesellschafts- und Wissenschaftssatire geworden. Viele geisteswissenschaftliche Theorien sind zitatweise eingebracht, aber in ein »ver-rücktes« Ambiente gestellt. Wissenschaftlich deswegen, weil er die Quellenangaben genauestens recherchiert und im Anhang, teils auch in Fußnoten, ordentlich belegt hat.

Und was ist nun mit dem Klavierhocker? Der fühlt sich schlecht behandelt. Schließlich sei er der eigentliche Träger des Kulturträgers. Doch den Applaus bekommen immer die anderen. Seine dienende Funktion hat er einfach satt. Er liefert sich daher Streitgespräche mit dem Klavier über die Entwicklung des Lärms beim Klavierspielen oder über die Minderleistung der Klaviertastatur im Vergleich zur Geige. Nach den Auftritten überzieht er die anderen im Lagerraum abgestellte Dinge mit endlosen Monologen über sein angehäuftes Wissen.

Neben den Kirstein’schen Karikaturen lockern auch einige Fotografien von den Kunstobjekten die Seiten auf. Auch Menschen, die seine künstlerische Arbeit nicht kennen, erhalten so einen optischen Eindruck von der materiellen Kunst, die Reukauf zu seiner Sprachkunst inspirierte.

Ulrich Reukauf, Selbstfindung oder die Kraft der Mimesis, 351 Seiten, gebunden, 26 Euro, Edition Kalliope Gießen, 2018, ISBN 978-3-944034-11-9

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