Stadt Gießen

Wie ein Gießener Kinderarzt mit Impfgegnern umgeht

Die Weltgesundheitsorganisation hat Impfgegner zur globalen Bedrohung für die Gesundheit erklärt. Wie ein Gießener Kinderarzt mit impfkritischen und besorgten Eltern umgeht.
01. Februar 2019, 09:25 Uhr
Kays Al-Khanak
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Der Familienvater ringt mit sich, er zieht seine Schultern hoch, verschränkt die Arme. Er weiß, was kommen wird, wenn er das jetzt sagt. Dann tut er es doch: »Man darf aber nicht vergessen, dass die Pharmaindustrie mit ihren Impfstoffen Geld verdienen will«, sagt er. »Und ich kann mir ehrlich gesagt nicht vorstellen, dass mein Kind durch diese hammerharten Impfungen nicht belastet wird.« Schnell hat sich Widerstand an dem Tisch in einem Gießener Restaurant geregt; ein anderer Vater und eine andere Mutter reden auf den Mann ein, wie wichtig es sei, die Kinder impfen zu lassen. Bevor die Stimmung kippt, geht es um des lieben Friedens willen aber bald um Alltagsthemen. Ums Wetter und so.

Das Masernvirus kann ernsthafte Erkrankungen auslösen

Kinderarzt Dr. Christoffer Krug

Ist der Vater wegen seiner kritischen Sicht aufs Impfen eine von zehn Bedrohungen für die globale Gesundheit? So jedenfalls hat die Weltgesundheitsorganisation WHO kürzlich Impfgegner bezeichnet. Damit stehen diese in einer Reihe mit Ebola oder Antibiotikaresistenz. Hintergrund ist die weltweite Zunahme von Masernfällen um 30 Prozent. Der Grund für diesen Umstand, teilte die WHO mit, sei vor allem in den Industrienationen zu finden: bei den Impfgegnern. Der Gießener Kinderarzt Dr. Christoffer Krug kann die Schärfe des Tons der WHO-Aussage inhaltlich durchaus verstehen. Er hält sie aber für nicht geeignet, die Impfbereitschaft von kritischen Eltern zu steigern.

 

Mehr als eine Kinderkrankheit

Kinder sollten nach den derzeitigen Empfehlungen des Robert-Koch-Institutes zwischen dem elften und 14. Lebensmonat gegen Masern geimpft werden. »Masern werden zwar oft verniedlichend als Kinderkrankheit bezeichnet«, sagt Krug. »Aber das Masernvirus kann ernsthafte Erkrankungen auslösen, da es das Immunsystem stark schwächt und damit bakteriellen Infektionen den Weg bahnen kann.« Masernviren können vor allem das Nervensystem befallen und akute oder chronische Infektionen des zentralen Nervensystems auslösen. Wie Krug sagt, seien diese Verlaufsformen zwar selten, könnten aber zu ernsthaften Schäden führen.

Eine Masernimpfung schützt – wenn sie zwei Mal verabreicht wurde – lebenslang vor einer Infektion und damit vor möglichen Komplikationen. Je mehr Eltern ihr Kind impfen lassen, desto weniger wahrscheinlich werden andere Kinder angesteckt. Das ist das Einmaleins des Impfens. Nebenwirkungen, sagt Krug, könnten sieben bis zehn Tage nach dem Pieks auftreten: Lokale Rötungen oder Schwellungen an der Impfstelle. Manche Kinder fühlten sich etwas schlapp und müde; als Zeichen der Immunisierung könne bis zu zwei Tage lang auch Fieber auftreten.

 

Aufklärung nötig

In seinem Arbeitsalltag bemerkt Krug, dass immer mehr Eltern sich zumindest um mögliche Nebenwirkungen einer Impfung sorgen. Das liege vor allem an den vielen ungefilterten Informationen, die es im Internet zu finden gibt, sagt er. »Ohne medizinischen Hintergrund sind die teilweise schwer einzuordnen«, sagt der Vater von drei Kindern.

Die Beratung vor einer Impfung könne dementsprechend viel Zeit in Anspruch nehmen. »Aber die nehme ich mir gerne«, betont Krug. So könne es durchaus sein, dass er mit Eltern mehrere Aufklärungsgespräche führe. Seine Erfahrung: Viele Eltern seien verunsichert und hätten Schwierigkeiten, die Informationen, die sie zum Impfen aus den Medien bezogen haben, richtig zu interpretieren. Aus dieser Unsicherheit resultierten Ängste, die dann zur Ablehnung der Impfung führen könnten.

Das Problem auch hinsichtlich der Masernimpfung sei, dass viele wissenschaftlich nicht richtige, vermeintliche Fakten und Mythen zu dem Thema kursierten. »So hält sich zum Beispiel weiterhin hartnäckig die These aus den 90ern, die Masernimpfung könne Autismus auslösen«, sagt Krug. Dieses impfkritische Argument stellte sich als wissenschaftlicher Betrug heraus. Trotzdem wird der Gießener Kinderarzt regelmäßig von manchen Eltern seiner kleinen Patienten danach gefragt.

 

Nicht mit dem Holzhammer

Da hilft nur Geduld. Krug sagt, er nehme die Sorgen der Eltern ernst. Es gehe darum, ihnen ein Gefühl der Wertschätzung zu geben, weil sie sich intensiv mit dem Thema für ihr Kind auseinandersetzen würden. »Dann gilt es, die Bedenken im Einzelnen zu besprechen«, sagt er. So ließen sich auch mit impfkritischen Eltern sehr oft Wege finden, ihnen die Wichtigkeit der Immunisierung nahezubringen.

Jede Diskussion über das Impfen sollte deshalb so sachlich wie möglich geführt werden, sagt der Kinderarzt – und eben nicht mit dem Holzhammer. Auch wenn sich Krug im Klaren darüber ist, dass das Thema emotional schnell aufgeladen ist. Nur: Weder könne man Eltern mit Angst gut beraten, noch sollten sie sich zum Impfen überredet fühlen. Krug: »Als Kinderärzte sollten wir die Entscheidung der Eltern so reflektiert und sachlich wie möglich behutsam begleiten.« Um dann im Interesse der Gesundheit der Kinder handeln zu können.

Artikel: https://www.giessener-allgemeine.de/regional/stadtgiessen/Stadt-Giessen-Wie-ein-Giessener-Kinderarzt-mit-Impfgegnern-umgeht;art71,546435

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