20. März 2017, 21:25 Uhr

Wie eine Leuchtqualle im Meer

20. März 2017, 21:25 Uhr
Agnieszka Jachym liegt eingangs mit entblößtem Rücken auf dem Flügel. Ihr Tanz mit Iacopo Loliva erzählt von Sehnsucht und körperlicher Abhängigkeit. (Foto: dkl)

Gießen (dkl). Einmal im Jahr haben die Tänzer und Tänzerinnen der Tanzcompagnie Gießen (TCG) die Gelegenheit, eigene Choreografien zu präsentieren. Im Rahmen der Reihe »Foyer um fünf«, die kostenfrei ist. Beste Gelegenheit also für Tanz- und Theaterfans, die Tänzer einmal von ganz nah erleben zu können. Genutzt wird die Möglichkeit zur Eigenpräsentation vor allem von den neuen, in der Regel jungen TCG-Mitgliedern. So war es auch am vergangenen Freitag; die altgedienten Mitglieder genossen die Darbietungen in der Zuschauerposition, einzig Mamiko Sakurai war als Choreografin und Co-Organisatorin beteiligt. Tanzdramaturgin Maite Beisser moderierte, Bärbel Stenzenberger, Assistentin von Ballettdirektor Tarek Assam, sorgte für den reibungslosen technischen Ablauf.

Sechs Kurzchoreografien waren zu erleben, zu Beginn ein Gruppenstück von Marcel Casablanca Martínez, dann vier Zwei-Personen-Stücke, bei denen die Choreografen jeweils mittanzten, und die Choreografie von Mamiko Sakurai, die als kleiner Dreiteiler angelegt war. Die Gruppe agierte als Street Gang im entsprechenden Outfit mit der unvermeidlichen Mütze und der geforderten Coolness im Auftreten. Eine Tänzerin war ausgeschlossen aus der Gemeinschaft, gewann in dieser Position aber zunehmend an Stärke (Skip Willcox).

Leider nur einmal zu sehen

Douglas Evangelista und Maria Adriana Dornio zeigten die Preview ihrer Auftragsarbeit für die Jubiläumsfeier der Tanzschule Bäulke, die unter dem Motto »Zwanziger Jahre« steht. Zu Marlene Dietrichs Evergreen »Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt« zeigten sie ein mitreißendes, neoklassisches Pas-de-Deux. Agnieszka Jachym mag es tanztheatral und heftig. Sie liegt eingangs mit bloßem Rücken auf dem Flügel, Iacopo Loliva hockt am Tisch vor einer Flasche und steigert sich in verbale Wut. Die Szene entwickelt sich zu einem letzten gemeinsamen Tanz, der von Sehnsucht und körperlicher Abhängigkeit erzählt, was in Streit und Gewalt mündet. Doch am Ende können sie an einem Tisch sitzen und wieder lachen. Der Titel des begleitenden Popsongs »Bridge over troubled water« ist offenbar auch inhaltlich gemeint.

Lorenzo Rispolano wählte das Thema Mauer als Grenze. Auf beiden Seiten agieren er und Martínez als vereinzelt Suchende, die Begegnungen scheinen vorsichtig, unbeholfen und fragil, sie sind nicht von Dauer. Sakurai beleuchtet die Tatsache, dass das Leben aus Entscheidungen besteht. Sie demonstriert souverän und immer auf den Punkt, wie unterschiedlich Ausdrucksformen etwa beim Tennisspiel sein können. Es beginnt witzig zu schwungvoller Schlagermusik, wird ernsthaft zu den englischsprachigen Kommentaren während eines Tennisspiels und virtuos im zeitgenössischen Tanz zu einem von Geigen umspielten Soundteppich. Ihre überzeugenden Akteure sind Lara Kleinrensink und Yusuke Inoue.

Das letzte Stück hat etwas Düsteres. Clara Thierry beschäftigt sich mit der gegenseitigen energetischen Beeinflussung zweier Lebewesen. Inspirieren ließ sie sich vom Leben einer Leuchtqualle im Meer. Sie und Martinez winden sich umeinander und klettern aufeinander, bis sie kaum noch voneinander zu unterscheiden sind, oder sie agieren wie ferngesteuert.

Das Publikum war von allen Beiträgen begeistert, es war ein lohnender Gang ins Theater. Bleibt als Fazit wie schon in den vorigen Jahren das Bedauern darüber, dass es nur einmal zu erleben ist. Einzig die Auftragsarbeit von Dornio/Evangelista ist am 25. März bei der Tanzschuljubiläumsfeier in der Kongresshalle noch einmal zu erleben.

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