07. August 2019, 21:41 Uhr

Wie oft müssen Klimaretter fliegen?

07. August 2019, 21:41 Uhr
Karen_werner
Von Karen Werner
Europastaatssekretär Mark Weinmeister (M.) tauschte sich mit JLU-Präsident Joybrato Mukherjee und dem Landschaftsökologen Lutz Breuer aus. (Foto: pm)

Gießen (kw). Eigentlich ist die Rettung des Weltklimas der Job vieler Forscher. Doch dafür jetten sie viel um den Globus und tragen damit zur Belastung der Atmosphäre bei. »Der Wissenschaftsbetrieb ist eine der reiseintensivsten Branchen überhaupt«, weiß Joybrato Mukherjee, Präsident der Justus-Liebig-Universität. Darüber werde zunehmend nachgedacht. Wie viele »echte« Treffen sind nötig für internationale Projekte, wo reichen Videokonferenzen? Warum bemühen sich hessische Hochschulen nicht stärker um Fördergeld von Seiten der Europäischen Union? Und wie kann es gelingen, in Afrika eine rasant wachsende Bevölkerung satt zu bekommen, ohne die Umwelt weiter zu zerstören - trotz zunehmender Dürreperioden? Diese Fragen standen im Mittelpunkt eines Besuchs von Mark Weinmeister (CDU), Staatssekretär für Europaangelegenheiten beim Land Hessen, im Interdisziplinären Forschungszentrum der JLU.

Lutz Breuer, Professor für Landschafts-, Wasser- und Stoffhaushalt, stellte Weinmeister und dessen Begleitern vor allem die EU-Forschungsvorhaben zum Stickstoffkreislauf vor, an denen er seit 2006 beteiligt war. Das aktuelle Projekt INSA (Integrated Nitrogen Studies in Africa) etwa soll nachhaltige Düngung in Afrika befördern. Wenn mehr Stickstoff auf die Felder aufgebracht wird, als die Pflanzen aufnehmen, belasten Reste das Grundwasser oder gelangen als klimaschädliches Lachgas in die Luft. Beteiligt sind 15 Partner in Europa und Afrika. Die EU fördert INSA mit insgesamt 1,242 Millionen Euro, auf die JLU entfallen rund 36 800 Euro. Im geplanten Vorhaben SIMPLE (Sustainable Intensification by Mixing Push-Pull and Livestock) geht es um kostengünstige Lösungen, die auch für Kleinbauern praktikabel sind: Zum Beispiel pflanzt man rund ums Maisfeld einen Streifen Napiergras, der Schädlinge anzieht.

Nicht nur in Afrika ist »punktgenaue« Düngung ein Thema - auch in Deutschland brächten viele Landwirte Stickstoff allzu großzügig auf die Felder, unterstrich Breuer. Für eine Einschränkung, möglichst ohne allzu starken Rückgang der Erträge, soll die Düngemittelverordnung sorgen.

Mehr Hilfe bei aufwendigen Anträgen

Zwischen 15 und 65 Partnern aus aller Welt waren beteiligt an den Projekten, an denen Breuer bisher mitgearbeitet hat. Etwa einmal im Jahr »muss man mal zusammensitzen und sich ins Gesicht sehen«; ansonsten reiche häufig »skypen«, sagte der Geologe zum Thema Reisen. Mukherjee verwies auf die Eidgenössische Technische Hochschule Zürich, die die Flüge ihrer Wissenschaftler mit »CO2-Konten« beschränkt.

Weinmeister unterstrich, man rechne mit einer Verdopplung der Bevölkerungszahlen in Afrika zwischen 2010 und 2050. Man wolle den Menschen dort eine Perspektive geben, auch damit sie nicht vor Hunger und Not nach Europa flüchten.

Ein weiteres Thema war, dass deutsche Forscher bisher die aufwendigen Anträge für EU-Projekte häufig scheuen, weil ihnen mit der DFG oder der hessischen Initiative Loewe gute Alternativen zur Verfügung stehen. In zwei Punkten signalisierte der Staatssekretär dabei Entgegenkommen. Das Ministerium denke darüber nach, eigene Fachleute anzustellen, die die hessischen Hochschulen beim Formulieren von Förderanträgen professionell unterstützen. Außerdem nahm er Mukherjees Anregung auf, die Interessen der hessischen Agrarforscher in Brüssel »gebündelt« und langfristig zu verfolgen.



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