18. April 2018, 19:00 Uhr

Medizin-Senioren

Wissensschatz vor der Haustür

In Gießen gibt es seit vielen Jahren Vorlesungen für »Medizin-Senioren«. Organisator Prof. Henning Stürz schildert, warum die Reihe so beliebt ist.
18. April 2018, 19:00 Uhr
Senioren im Fokus: Die Zielgruppe der älteren Hörer ist ein aufmerksames und kritisches Publikum. (Foto: dpa

Hauptsache gesund

Die Gesundheit steht für die meisten von uns an erster Stelle der Prioritätenliste. In unserer Serie »Hauptsache gesund« stellen wir Ideen und Projekte für einen gesunden Lebensstil vor.

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Oben rechts ist ihr Stammplatz. Wann immer es Inge Ringleb in den vergangenen Jahren ermöglichen konnte, war sie dabei. Dienstag, 17 Uhr, Großer Hörsaal des Instituts für Anatomie und Zellbiologie. »Ein fester Termin in meinem Kalender«, sagt die 88-Jährige.

Die Witwe des früheren Dekans der medizinischen Fakultät Dieter Ringleb besucht die Vorlesungen nicht nur, weil ihr Mann diese einst gemeinsam mit Prof. Hans Joachim Oehmke ins Leben gerufen hat, sondern auch, weil sie schon immer an medizinischen Themen interessiert war. »Man nimmt immer neue Erkenntnisse mit«, sagt sie. Sie ist eine der treuesten Hörerinnen, weiß Prof. Henning Stürz. Der emeritierte Direktor der Klinik für Orthopädie organisiert und moderiert die Medizinvorlesung für Senioren seit 2008. Übernommen hat er diese Aufgabe einst von Oehmke, heute ist er selbst auf der Suche nach einem Nachfolger.

Beginn in den 80ern

Anfang der 80er Jahre hatte Oehmke die Vorlesungsreihe mit dem Titel »Medizin und Alter« ins Leben gerufen, ab 1989 gab es die »Medizinsenioren« in ihrer heutigen Form. Die Idee war, eine Brücke zu schlagen zwischen Forschung, Lehre und Medizin auf der einen und der Gießener Öffentlichkeit auf der anderen Seite, beschreibt Stürz. Die Hörer bekamen einen Eindruck davon, welche innovativen Wege in den Instituten und der Klinik der Universitätsstadt beschritten wurden.

Der Erfolg gab dem Mediziner recht: Der Hörsaal war immer gut besucht, auf den Rängen drängten sich stets über 200 wissenshungrige Gäste. Oehmke hatte als einer der ersten erkannt, wie die Gießener von diesem Schatz vor ihrer Haustür – einer wegweisenden medizinischen Fakultät – profitieren konnten. Für dieses Engagement wurde er 2001 mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. Über viele Jahre wurde die Reihe auch journalistisch begleitet. Isolde Feez, langjährige Redakteurin dieser Zeitung, gehörte ebenfalls zum Stammpublikum. Sie verstand es, den Lesern auch komplizierte Themen verständlich und unterhaltsam nahe zu bringen.

Apropos kompliziert: Eine der vornehmsten Aufgaben der Referenten ist es, Krankheitsbilder und Behandlungswege so zu transportieren, dass auch Hörer ohne medizinische Vorbildung folgen können – schließlich ist es ein Unterschied, ob vor Fachpublikum oder vor Laien referiert wird. Dies gelinge nicht immer, aber immerhin fast immer, sagt Stürz und lacht. Er steht in jedem Semester vor der schwierigen Aufgabe, einen Themenmix zusammenzustellen, der beim Publikum gut ankommt und gleichzeitig die moderne Forschungsleistung widerspiegelt.

Ziel im Alter sollte es sein, trotz gewisser Handicaps ein zufriedenes Leben zu führen

Henning Stürz, Mediziner

Das Publikum ist bunt gemischt, das Interesse an neuen Therapien groß. Viele der älteren Hörer haben auch eine persönliche Motivation. Wer herzkrank ist, vor einer Knie-OP steht oder unter Stoffwechselerkrankungen leidet, vertieft in den entsprechenden Vorlesungen sein Wissen, um seine eigene Situation besser einschätzen zu können. Bekannt sind die Seniorenvorlesungen nicht nur für die anspruchsvollen Referate, sondern auch für die lebhafte Diskussion im Anschluss. Die Aufgabe von Moderator Stürz ist es bisweilen, korrigierend einzuschreiten, wenn Nachfragen in eine Privatsprechstunde auszuarten drohen.

Seit den Anfangsjahren der Medizinvorlesungen hat sich viel verändert. Heute kann man sich im Internet umfassend informieren, jedes Krankenhaus bietet regelmäßig Vortragsveranstaltungen und lädt zu »Tagen der offenen Tür« ein. Das hat sich auf die »Medizinsenioren« ausgewirkt, der Andrang ist nicht mehr ganz so stark wie früher. Die Fülle der Informationen, so die Erfahrung des ehemaligen Klinikchefs, ist Fluch und Segen zugleich.

Mit Handicaps arrangieren

Einerseits helfen sie dem »mündigen Patienten« und machen ihn sicherer, andererseits fühlen sich viele Menschen auch heute öfter allein gelassen mit ihren Sorgen rund um die Gesundheit. Wie immer im Leben gilt es, die Balance zu finden. »Das Ziel sollte es sein, sich im Alter mit gewissen Handicaps zu arrangieren und trotzdem ein zufriedenes Leben zu führen«.

Das sieht auch Inge Ringleb so. Doch derzeit machen ihr weniger die Beeinträchtigungen des Alters als die Folgen eines schweren Verkehrsunfalls im vergangenen Jahr zu schaffen. Dennoch möchte sie im kommenden Semester wieder im Hörsaal sitzen. Ganz rechts oben.

Zusatzinfo

Start am 24. April

Die Seniorenvorlesungen des Fachbereichs Medizin der Justus-Liebig-Universität und des Uniklinikums unter Leitung von Prof. Henning Stürz laufen immer dienstags um 17 Uhr im Großen Hörsaal des Institutes für Anatomie und Zellbiologie, Aulweg 123. Den Mittelpunkt bilden entzündliche Erkrankungen der inneren Organe und des Auges. Entzündungen entstehen nicht allein als Infektionen durch Bakterien, Pilze oder Viren, oft sind sie auch Ausdruck von Allergien und von Erkrankungen des Immunsystems. Start im Sommersemester am 24. April mit der Vorlesung von Prof. Elke Roeb: »Morbus Crohn und Colitis ulcerosa – entzündliche Darmerkrankungen«.

 

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