02. August 2019, 17:00 Uhr

10 Minuten Gießen

Wo es am Gießener Ring drunter und drüber geht

Das »Gießener Nordkreuz« ist eine Rarität im deutschen Autobahnbau: Es ist dreistöckig und eine Art Irrgarten für Autofahrer. Wir haben dort zehn Minuten lang die Situation beobachtet.
02. August 2019, 17:00 Uhr
Drunter und drüber geht es am Gießener Nordkreuz: Unten die A 485, oben die A 480. (Foto: mö)

Manchmal, auf meiner Radrunde durch die Wälder rund um Gießen, halte ich hier oben an und blicke hinab, um mich wieder einmal zu vergewissern: Weiche Wesen aus Fleisch und Blut wie wir und diese Fortbewegungsart passen eigentlich nicht zusammen. Unter mir jagen schwarze Limousinen auf der linken Spur mit bestimmt 200 Sachen entlang. »Iiiiihhhumm, Iiiiihhhumm, Iiiiihhhumm«.

Nicht so am Mittwochmorgen, als ich auf der hochgeschwungenen Fußgängerbrücke stehe, die auf der Gemarkungsgrenze zwischen Gießen und Lollar die beiden Autobahnen 485 und 480 überspannt. Drunter und drüber geht’s hier. Aber nicht so schnell wie sonst. Auch am Gießener Nordkreuz ist Baustellenzeit, die Fahrspuren der beiden Autobahnen sind mit gelben Markierungen verengt worden. Kein Platz für Raser.

Zwei Autobahnen mit zusammen acht Fahrspuren sowie die Brücke, die Fußgängern und Radfahrern die Querung zwischen Lollarer Kopf und Hangelstein ermöglicht, haben die Erbauer in den 1970er Jahren hier übereinandergetürmt. Unten verläuft die Autobahn 485, die etwas weiter im Norden wieder zur Bundesstraße 3 wird. Oben rollt der Verkehr auf der West-Ost-Achse der 480 zwischen dem Lahntal und dem Reiskirchener Dreieck.

Unten auf der 485, in Fahrtrichtung Gießen, ist an diesem Morgen am meisten los. Auf den Pkw überwiegen die heimischen Kennzeichen GI, MR oder LDK; Berufspendler, die den schnellen Weg über die Autobahn bevorzugen. Der Schwerlastverkehr dagegen ist national oder international. Die Wege der Trucks aus Weißrussland, aus Polen, Tschechien und Holland sowie dem Ruhrgebiet kreuzen sich hier. Oben, Richtung A 5, knattert eine Gruppe bepackter Motorradfahrer - zu schnell, um die Nummernschilder zu erkennen. »Schönen Urlaub«, falls sie nicht auf dem Heimweg sind.

Das »Gießener Nordkreuz« ist eine Seltenheit unter den deutschen Autobahnen. Die Bauform gilt als ungewöhnlich: West- und Ostteil wurden jeweils als »linksgeführte Trompete« angelegt, und mittendrin liegt die Anschlussstelle zur Marburger Straße. Das sieht nicht nur auf Karten verwirrend aus. Als ich neu war in Gießen, hatte ich hier oben manchmal Orientierungsprobleme und war plötzlich Richtung Wettenberg unterwegs, obwohl ich zur A 5 wollte. Es soll Zugezogene geben, die brauchen Jahre, um den »Gießener Ring« zu verstehen.

Ist ja auch nicht so einfach: Mit der 485 und 480 gehören zwei Lokalautobahnen und der 49 und 429 zwei vierspurige Bundesstraßen zu dem gut 23 Kilometer langen und fast 320 Millionen Mark teuren System, das von der verworfenen Planung für die Autobahnen 48 und 49 übrigblieb. Die beiden Gießener Autobahnen, die im November 40 Jahre alt werden, tragen dreistellige Nummern, weil 1973 das deutsche Fernstraßennetz durchnummeriert wurde: einstellig für die großen Strecken, zweistellig für regionale Verbindungen und dreistellig für die Stadtautobahnen. Lokalautobahnen in Nordrhein-Westfalen und dem nördlichen Hessen beginnen seitdem mit der Vier.

Die Gießener, wenn sie sich an das Grundrauschen vom Stadtrand her gewöhnt haben, schätzen ihren »Ring«, der sie schnell vom einen in den anderen Stadtteil oder auf die Fernstraßen führt. Außerdem schützt er die Stadt vor noch mehr Verkehr. Die Gießener müssten lernen, die »Verteilerfunktion« der Stadtautobahn zu nutzen, appellierte der frühere Oberbürgermeister Manfred Mutz stets an seine Mitbürger.

Unter mir rollt jetzt ein Pkw langsam auf den Standstreifen Richtung Reiskirchener Dreieck. Die Warnblinklichter sind an, der Fahrer steigt aus - und hofft wohl auf einen gelben Engel. Aus dem Hangelstein kommt ein Mountainbiker auf seiner Morgenrunde. Ich muss ein bisschen Platz machen. Ist wahrscheinlich ohnehin besser, meinen Beobachtungsposten jetzt zu räumen. Personen, die auf Autobahnbrücken herumstehen, sind nicht gerne gesehen. Und mehr als »zehn Minuten Gießen« will ich meinen Ohren auch nicht zumuten.

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