20. September 2019, 06:00 Uhr

Stadtverkehr

Woher die Blechlawine in Gießen kommt

In Gießen beschwören Bürger und Politiker die Verkehrswende. Doch von weniger Autos keine Spur. In Regionen, aus denen nach Gießen gependelt wird, gehen Pkw-Zulassungen durch die Decke.
20. September 2019, 06:00 Uhr
Autos in Reih und Glied an der Ringallee. (Foto: Schepp)

Wer vor allem morgens und am Spätnachmittag auf Gießens Straßen unterwegs ist, der wunderte sich Ende Juni über die vom Hessischen Rundfunk verbreitete Nachricht, dass die Universitätsstadt an der Lahn die autoärmste Stadt Hessens ist. Auf zehn Einwohner kommen in Gießen »nur« 4,2 Fahrzeuge, 5,9 sind es im hessischen Schnitt, 5,7 in Deutschland. Erklärbar sind die Zahlen durch die vielen Studenten, die Rad oder Bus fahren und durch die »Vorteile einer Stadt der kurzen Wege«, kommentierte der Magistrat die Zahlen und folgerte: Das Problem der hohen Verkehrsdichte wird von außen in die Stadt getragen, durch die vielen motorisierten Berufs- und Einkaufspendler.

Diese Einschätzung ist jetzt durch eine bundesweite Erhebung des Nachrichtenmagazins »Der Spiegel« bestätigt worden. Die nach Kreisen vorgenommene Auswertung von Daten des Kraftfahrtbundesamts (KBA) und des Statistischen Bundesamts zeigt, dass die Zahl der Kfz-Zulassungen in den Landkreisen, aus denen die meisten Menschen nach Gießen einpendeln, in den vergangenen zehn Jahren enorm angestiegen ist. Im Landkreis Marburg-Biedenkopf sind die Zulassungen seit 2008 um 16,3 Prozent gestiegen, im Vogelsbergkreis um 16,5 Prozent, im Lahn-Dill-Kreis um fast 15 Prozent und in der Wetterau um gut 13 Prozent. Mit »nur« zehn Prozent ist der Zuwachs im Landkreis Gießen in Mittelhessen am geringsten, was mit der speziellen Situation in der größten Stadt zu tun haben dürfte.

Auch der Blick auf den Pkw-Bestand bestätigt dies: Mit 562 Fahrzeugen je 1000 Einwohner liegt Gießen - je nach Sichtweise - ganz hinten oder vorne. Im Vogelsbergkreis ist das Verhältnis mit 670 Pkw auf 1000 Einwohner am ungünstigsten, allerdings gibt es im östlichen Gießener Nachbarkreis aufgrund der geringeren Bevölkerungsdichte laut KBA mit 71 000 (Stand Anfang 2019) auch die wenigsten Autos. Im Landkreis Gießen sind es gut 151 000, davon knapp 33 000 in der Stadt Gießen. Das heißt: Die größte Stadt stellt ein Drittel aller Einwohner, aber weniger als ein Viertel des Pkw-Bestands.

Familien haben großen Radius

Einen wesentlichen Grund, warum vor allem in den ländlichen Gebieten immer mehr Autos zugelassen werden, sehen Experten im unzureichenden Nahverkehrsangebot. Als »noch nie so schlecht wie heute« wird es im »Spiegel« von einem Verkehrsforscher bezeichnet. Ein weiterer Grund für die Rekordzahlen - bundesweit waren Ende 2018 über 47 Millionen Autos zugelassen - sind gesellschaftliche Entwicklungen, die eigentlich als fortschrittlich wahrgenommen werden. Zitat »Spiegel«: »So fahren heute mehr Frauen als früher ein eigenes Auto. Sie sind häufiger erwerbstätig, oft spielt sich zudem der Familienalltag in einem größeren Radius ab«.

Aus Gießener Sicht gilt mithin, was die Stadt im Juni erklärte: »Es sind große Anstrengungen notwendig, um den öffentlichen Personennahverkehr zu stärken - vor allem im Umland. Ein Umstieg vom Auto auf andere Verkehrsarten kann gelingen, wenn es Alternativen gibt. So könnte das Zentrum der Stadt entlastet werden.«

Zumal die Zahlen des KBA auch fürs Klima alles andere als erfreulich sind: Von den 151 000 Pkw, die Anfang 2019 im Kreis Gießen zugelassen waren, fuhren 148 000 mit Benzin oder Diesel, nur 3000 mit alternativen Antrieben - davon 250 mit Elektromotor. In den anderen mittelhessischen Kreisen setzt sich die Flotte deckungsgleich zusammen. So trügt angesichts der Proteste gegen die IAA der Schein, »es gehe mit der Herrlichkeit des Autos zu Ende« (»Spiegel«). Die Zahlen sagen das Gegenteil.

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