27. März 2019, 16:15 Uhr

Wohnungsnot

Wohnungssuche im Rollstuhl: 62 unüberwindbare Stufen

Daniela Galassi (33) leidet an PPMS, einer Form der Multiplen Sklerose. Seit 2014 sitzt sie im Rollstuhl. Die junge Frau wohnt in einem Haus ohne Aufzug und sucht verzweifelt eine Wohnung.
27. März 2019, 16:15 Uhr
Jürgen Becker unterstützt Daniela Galassi bei der Wohnungssuche. (Foto: Schepp)

Es ist das Fenster mit dem Vogelhäuschen davor. Daniela Galassi zeigt nach oben zu ihrer Wohnung. Die ist für die 33-Jährige derzeit nur mit Mühe und fremder Hilfe zu erreichen. Und wenn sie oben ist, kommt sie schlecht wieder hinunter. Die junge Frau hat sich in eine dicke Jacke gehüllt und Decken auf die Knie gelegt. Es regnet, es ist stürmisch und kalt. Sie hält sich oft in der Cafeteria des St. Josefs Krankenhauses auf. Die liegt ganz in der Nähe. Hier isst sie zu Mittag, hier wärmt sie sich auf. Vor acht Jahren hat sie ihre Wohnung bezogen. Galassi fand die Nachbarschaft zum Bahnhof ideal. Damals, erzählt sie, habe sie als Flugbegleiterin gearbeitet und sei viel unterwegs gewesen.

Das war in einem anderen Leben. Heute sind die 62 Stufen zu ihrer Wohnung nahezu unüberwindbare Hürden. Sie wartet auf die »Treppenraupe«, ein Hilfsmittel, mit dem sie samt Rollstuhl die Treppe bewältigen kann. Die Pflegekasse hat das Gerät bewilligt, aber die Lieferung ist noch nicht erfolgt. Oben im Treppenhaus vor ihrer Haustür steht ein Scala-Mobil, eine Art Elektro-Sackkarre für Rollstühle. Doch das ist eine wackelige Angelegenheit. »Das ist viel zu gefährlich«, sagt Jürgen Becker, der Behindertenbeauftrate der Stadt Gießen. Er unterstützt Galassi bei der Wohnungssuche. In den vergangenen Monaten hat es jedoch nur Absagen gegeben. Wohnungen sind knapp, barrierefreie Wohnungen erst recht. Und rollstuhlgerechte Wohnungen, die für eine Frau mit 1100 Euro Erwerbsminderungsrente bezahlbar sind, sind so etwas wie ein Lottogewinn. Weder die Wohnbau noch die anderen Wohnungsbaugesellschaften der Stadt konnten bisher helfen. Wie viele barrierefreie Wohnungen es in der Stadt überhaupt gibt, weiß man nicht, da es keine Stelle gibt, die das registriert oder koordiniert.

Die Situation ist zermürbend. Ich fühle mich oft allein gelassen

Daniela Galassi

Becker ist es jetzt gelungen, eine Notlösung zu finden. Für eine Nacht wurde Galassi in einem Wetzlarer Hotel untergebracht, finanzziert hat dies der Verein »Aktion für Menschen mit Behinderung«. Im Anschluss hilft die AWO. Die 33-Jährige kann für eine Woche im Seniorenzentrum Albert-Oswald-Haus ein Zimmer beziehen. Ein Ausweg ist ein Seniorenheim jedoch nicht. Es gibt nur wenige Einrichtungen, die Wohnbereiche für Menschen unter 60 anbieten. Das Alloheim hat eine Abteilung »Junge Pflege«, doch auch hier wurde Galassi nicht fündig. Die junge Frau möchte auch nicht dauerhaft in ein Heim.

In ihrer Wohnung kommt sie aber auch nicht zurecht, denn diese liegt nicht nur im dritten Stock, sondern ist auch nicht rollstuhlgerecht. Das Badezimmer kann sie nicht richtig nutzen. »Zum Duschen fahre ich ins Schwimmbad«, erklärt sie. Wenn sie die Wohnung verlassen will, nimmt Galassi oft die Fahrdienste von Taxiunternehmen in Anspruch. Zwei Männer hieven sie dann mit einem Tragestuhl hinauf oder hinab. Diese Leistung müsse man jedoch drei Tage vorher anmelden, zudem stehe dieser Service an den Wochenenden nicht zur Verfügung.

Dieser Tatsache und der fehlenden »Treppenraupe« ist es geschuldet, dass Galassi schon einige Male die Nacht im Freien verbracht hat. »Ich kam einfach nicht wieder hoch«, sagt sie. Mit ihren Hilfsmitteln und insgesamt den Leistungen der Pflegekasse ist die 33-Jährige zufrieden, von dieser Seite seien ihr niemals Steine in den Weg gelegt worden.

 

Diagnose vor elf Jahren

Die Wohnsituation sei jedoch unerträglich. Bis vor kurzem habe ihr 15-jähriger Sohn bei ihr gewohnt, der sei aber jetzt zu seinem Vater gezogen. So sucht sie nun für sich und ihren Hund eine neue Bleibe. Ihre Diagnose bekam Galassi vor elf Jahren. In der ersten Zeit habe sie kaum Symptome gehabt, dann habe es eine fortschreitende Verschlechterung gegeben. Bei etwa zehn bis 15 Prozent aller Menschen mit Multipler Sklerose verläuft die MS nicht in Schüben, sondern zwar langsam, aber kontinuierlich schlimmer werdend. Dieser Verlauf wird primär progrediente MS genannt.

Die 33-Jährige wirkt gelassen, sachlich schildert sie ihre Siutation. Aber sie winkt ab: »Das ist nur Fassade, eigentlich fühle ich mich ganz schön allein gelassen«, erklärt sie mit einem resignierten Lächeln.

Info

Wohnung dringend gesucht

Jürgen Becker, der Behindertenbeauftragte der Stadt Gießen, ist der 33-jährigen MS-Patientin Galassi bei der Wohnungssuche behilflich. Da die Rollstuhlfahrerin auf eine gute Infrastruktur angewiesen ist, sollte die Wohnung in der Stadt Gießen liegen. Becker ist telefonisch unter 01 70 98 69 342 erreichbar.

Schlagworte in diesem Artikel

  • Flugbegleiter
  • Gelassenheit
  • Gießen
  • Jürgen Becker
  • Multiple Sklerose
  • Pflegeversicherungen und Pflegekassen
  • Rollstühle
  • Taxiunternehmen
  • Wohnungsknappheit
  • Gießen
  • Christine Steines
  • Schlagwort zu
    Meine Themen

    Sie haben bereits 15 Themen gewählt

    Sie folgen diesem
    Thema bereits

Klicken Sie auf ein Schlagwort, um es zu „Meine Themen” hinzuzufügen oder weitere Inhalte dazu zu sehen.


0
Kommentare | Kommentieren

Bilder und Videos

Kommentare

Kommentar hinzufügen

Kommentar schreiben - Ihre Meinung zum Thema ist gefragt


Kommentare werden erst nach einer Prüfung durch die Redaktion veröffentlicht. Bitte beachten Sie die Netiquette sowie die Hinweise nach dem Absenden Ihres Beitrags.


Überschrift
Meine Meinung





Sie haben noch kein Login? Jetzt kostenlos registrieren.

Registrieren Sie sich kostenlos um Ihren Kommentar abzuschließen:

Wir garantieren Ihnen, dass alle persönlichen Daten nur beim Verlag intern verwendet werden und nicht ohne Zustimmung an Dritte weitergegeben werden.


Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:
Wieviel ist 2 + 2: 




Sie sind bereits registriert? Zurück zum Login.