10. Juli 2018, 22:17 Uhr

ZVS-Opfer schätzt medizinisches Netzwerk der Stadt

10. Juli 2018, 22:17 Uhr
schaefer_mac
Von Marc Schäfer
Witold Rak ist in Gießen Hausarzt mit Leib und Seele. (Foto: Schepp)

»Es war ein Schock«, sagt Witold Rak über seinen ersten Tag in Gießen. »Ich fand die Stadt klein und unattraktiv, verschachtelt und anonym und wäre am liebsten sofort zurück zu meiner Familie nach Leverkusen gefahren«. Das war aber nicht möglich, denn die Zeit bis zum Beginn des Medizinstudiums an der Justus-Liebig-Universität war knapp. Rak – damals 21 Jahre alt – biss sich durch und ist bis heute mit kleineren Unterbrechungen geblieben. Aus dem »Opfer« der Zentralen Vergabestelle für Studienplätze (ZVS) ist so ein echter Gießener geworden. In der Neustadt führt der Mediziner gemeinsam mit Dagmar Schöndorf und Irina Meisler eine Praxis für Allgemeinmedizin. Ähnliche Lebensläufe finden sich hundertfach in der Stadt an der Lahn.

Ein großer Faktor der Anfänge in der neuen Heimat war das Heimweh, gibt Rak zu. »Ich habe mir die Frage gestellt, wie das wird, weg von der Familie. Irgendwann habe ich gemerkt, dass in Gießen fast alle Leute in meinem Alter weg von den Familien waren. Das hat die Situation besonders gemacht. Wir haben viel miteinander unternommen, Radtouren, Partys, Kochen. Es war toll, eine andere Art von familiärem Zusammenhalt«, sagt Rak. Noch heute genießt er an Gießen die kurzen Wege in die Natur, die Möglichkeit, alles und jeden mit dem Fahrrad zu erreichen, die vielen Kontakte auf Augenhöhe.

Mitgefühl für Flüchtlinge

Dass es weniger lebenswerte Städte für ihn gibt, hat Rak auch erfahren. Nach dem Staatsexamen zog er 2009 nach Bad Homburg, wo er als Assistenzarzt arbeitete. Später trat er eine Stelle in Bad Nauheim an. »In diesen Städten hatte ich weniger soziale Anknüpfungspunkte als in Gießen. Cafés gibt es dort auch, aber kaum Menschen, die eine Stadt zum Leben erwecken. Gießen und ich, wir passen einfach zusammen«.

Die Folge war klar. Als sich die Möglichkeit bot, kam Rak zurück nach Gießen. Seine berufliche Heimat hat er in der Praxis in der Neustadt gefunden. »Dort habe ich während des Studiums gearbeitet. Die Praxis war Teil meiner Prüfung. Ich fühle mich dort sehr wohl«, erklärt der 37-Jährige. Als Arzt schätzt er vor allem das gute medizinische Netzwerk in der Stadt. »Man kann Patienten hier sehr gut helfen.«

Heimat ist für Rak ein großes Thema. Im Alter von acht Jahren siedelten er und seine Familie aus seiner polnischen Geburtsstadt Ruda Slaska, etwa 20 Kilometer nordwestlich von Kattowitz, nach Deutschland aus. »In den ersten Wochen hatten wir acht Stationen, bis klar war, dass wir Deutsche sind und bleiben durften.« Die Familie wurde in Leverkusen heimisch. Dort wuchs Rak auf.

Seine Eltern wollten den Kindern eine Perspektive bieten. »Die Schulbildung war nicht gut, die Inflation sehr groß. Wir haben gespart und gespart, aber es wurde nicht mehr. In Supermärkten war nur wenig zu erwerben. Irgendwann haben meine Eltern beschlossen, dass wir nicht mehr sparen, um einen Fernseher zu kaufen, sondern um auszureisen. Ich wusste damals nur, dass wir nach Deutschland fahren, was das bedeutet, habe ich nicht verstanden«.

Rückblickend ist Rak stolz auf seine Eltern. »Sie waren sehr mutig. Sie haben alles aufgegeben, ohne zu wissen, ob sie irgendwo bleiben können, ohne die Sprache zu sprechen«, sagt er. »Sie mussten viel Kraft aufwenden, um uns zu vermitteln, dass alles gut wird, obwohl sie selbst voller Zweifel waren.« Irgendwann fand sich die Familie in einem Schlafsaal mit 18 Betten wieder. »Männer, Frauen, Kinder, alles gemischt. Um 6 Uhr wurde das Licht angeschaltet, um 22 Uhr gelöscht. Das werde ich nie vergessen«, sagt Rak. Vielleicht liegen ihm deshalb auch heute Flüchtlinge am Herzen. In seiner Praxis behandelt er unbegleitete Minderjährige.



0
Kommentare | Kommentieren

Bilder und Videos