23. Oktober 2019, 14:00 Uhr

Vereinsleben

Zwei Schützenclubs - ein ungleiches Paar

Der Schützenclub Roland Kleinlinden und der Schützenverein 1969 Lützellinden betreiben denselben Sport, leben aber in unterschiedlichen Gefühlswelten. Jetzt feiern sie gemeinsam.
23. Oktober 2019, 14:00 Uhr
Die »Roland-Scheibe« hat SC-Vorsitzender Karl Heinz Weller in der Schweiz ersteigert.

Im Kleinlindener Schützenhaus herrscht reger Betrieb. Zahlreiche Sportler des SC Roland trainieren hier an diesem Dienstagabend, eine Gruppe das Luftgewehrschießen, eine andere gleich nebenan mit Pfeil und Bogen. Der Verein mit dem kuriosen Namen wächst - um rund 30 Mitglieder in 2019. »Wir legen gut zu«, freut sich denn auch sein Vorsitzender Karl Heinz Weller. Nur ein paar Kilometer entfernt, beim Schützenverein 1969 Lützellinden, sieht die Sache anders aus. »Wenn es so weitergeht, müssen wir alle noch 50 Jahre älter werden«, scherzt der dortige Vorsitzende Holger Föhre. Denn der Nachwuchs fehlt. Besucht man erst den SC Roland, der gerade 110 Jahre auf dem Buckel hat, dann den SVL, der seit einem halben Jahrhundert besteht, fällt eines sofort auf: die völlig unterschiedlichen Gefühlslagen.

Apropos Gefühlslagen. Wird nach »dem Weltmeister« verlangt, huscht Jens Asbach noch immer ein Lächeln übers Gesicht. In der deutschen Feldbogen-Nationalmannschaft errang der 52-Jährige 2018 den ultimativen Erfolg. Seine sportliche Heimat ist der SCR. Das Bogenschießen habe »nichts mit Robin Hood« gemein, betont er, dafür viel mit »einem stetigen Kampf gegen sich selbst«. Es verlange Konzentration, ein ruhiges Händchen und Übung, Übung, Übung. Gerade Jugendliche seien anfangs oft euphorisch, verlören aber rasch die Geduld. Dass die Roländer neben Luftgewehr, Luftpistole, Sportgewehr und Kleinkaliber heute auch den Bogensport betreiben, ist für sie essenziell. Die jüngste Abteilung habe nämlich »großen Anteil« am Wachstum, sagt Weller.

Insgesamt drei Teams in den Sparten Luftgewehr und Luftpistole kann der SV Lützellinden aktuell vorweisen. Von 102 Mitgliedern ist gut ein Dutzend aktiv. Die erste Gewehr-Mannschaft mit Helge Ferber, Jens Ferber, Frank Hofmann und Holger Föhre geht seit 30 Jahren personell unverändert an den Start. »Im Auge Klarheit, im Herzen Wahrheit« prangt als Spruch auf der Vereinsfahne. Zur Wahrheit gehört, was Föhre beim Vergleich mit dem SC Roland folgendermaßen formuliert: »Bei uns ist vielleicht nicht so der Zug drin.« Eine Jugend fehlt dem SVL momentan. Ein-, zweimal im Jahr schaue zwar jemand zum Reinschnuppern vorbei, sagt der Vorsitzende. Den Alteingesessenen fehle aber schlichtweg die Zeit, »sich drum zu kümmern«.

Beim SC Roland gibt es feste Trainingszeiten für die Jugend, ferner das wöchentliche »Fördertraining Kinder und Jugendliche« am Bogen. Zudem hat der Verein wiederholt an den städtischen Ferienspielen teilgenommen, sich für den Hochschulsport geöffnet. Und »Sport in der City« ist ein Pflichttermin. All das wirkt auf die Mitgliederstruktur. 15 bis 20 Roländer seien jünger als 21 Jahre, zehn seien 21 bis 35 Jahre alt, berichtet Weller. Zu den Nachwuchstalenten zählen unter anderem Sophie Schlecker und Julian Kaiser. Während der 19-Jährige meint, das Schießen liege bei ihm »irgendwie in der Familie«, fand die 23-Jährige eher zufällig zum SCR.

Alles begann beim Unisport. Dort habe ihr das Training so gefallen, dass sie einfach geblieben sei, erinnert sich Schlecker. Ein Jahr ist das jetzt her und die Studentin rangiert bereits in der zweiten Mannschaft des SC. Außer dem Ehrgeiz treibt sie der Wunsch nach Entspannung: »Ich kann dabei ganz gut abschalten.« Trotz oder vielleicht sogar wegen der stets nötigen Konzentration. Kaiser war zuletzt Fünfter bei den Hessenmeisterschaften im Luftgewehr. Manchmal schießt er auch Kleinkaliber. »Das ist aber nicht mehr olympisch.« Richtig gehört: Der Shootingstar möchte nicht vermessen klingen - doch Olympia ist sein Traum.

Bei Föhre und Co. steht eher die Geselligkeit im Zentrum. Wettkampfambitionen gibt es hier natürlich schon. Sie sind nur kleiner als in Kleinlinden. Wer deshalb glaubt, die Clubs verbinde nicht mehr als die Sportart, täuscht sich allerdings. Beide wurden zum Beispiel in Kneipen gegründet. Der SVL in der Gaststätte »Germania«, der SCR als »Zimmerstutzenclub Roland 1909« im »Bernhardshäuser Hof«. Sein Name rühre wahrscheinlich von diesen Umständen her, erzählt Weller. So schossen die Gründer auf eine »Roland-Scheibe«, mit eingebauter Klingel in der Mitte.

Bis heute symbolisiert das Vereinswappen eben jenes Stück. Das Exemplar im Schützenhaus hängt indes erst seit wenigen Jahren an seinem Platz. Weller ersteigerte es in der Schweiz und stellte es dem SC als Wandschmuck zur Verfügung. Für Tradition gilt im Sport nämlich das Gleiche wie für Nachwuchs: Man kann nie genug davon haben.

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