03. Februar 2019, 18:17 Uhr

Zwischen Selbstkritik und Zuversicht

03. Februar 2019, 18:17 Uhr
Machen sich Gedanken, wie es mit der Partei weitergehen könnte (v. l.): Prof. Hans-Werner Hahn, Frank-Tilo Becher, Matthias Körner, Dietlind Grabe-Bolz, Gerhard Merz, Stefan Prange und Thorsten Schäfer-Gümbel. (Foto: hpb)

Die SPD habe in der Vergangenheit viele Fehler begangen. Wie die meisten der etablierten Parteien biete sie aktuell zu wenige Antworten auf wichtige Fragen. Die Menschen wüssten nicht mehr, wofür die Partei stehe. Viele hätten daher das Vertrauen in die SPD verloren und sich von ihr abgewandt. Dieses Vertrauen müsse man nun zurückgewinnen. Das sei nicht einfach und brauche Zeit. Aber: Man sei zuversichtlich. Denn viele Menschen würden geradezu auf eine starke SPD warten. Diese selbstkritischen, aber gleichzeitig auch optimistischen Töne zogen sich am Freitagabend wie ein roter Faden durch die Jubiläums-Veranstaltung des SPD-Ortsvereins Kleinlinden. Die Genossen feierten im Bürgerhaus ihr 100-jähriges Bestehen. Wann der Ortsverein genau gegründet worden ist, ist nicht bekannt. Überliefert ist jedoch, dass der Kleinlindener Verein am 1. Februar 1919 das älteste erhaltene Parteibuch ausgestellt hat.

Der Ortsvereinsvorsitzende Stefan Prange begrüßte die zahlreichen Gratulanten und Gäste mit launigen Worten und zeigte sich kämpferisch. »Der SPD wurde schon vielfach das Ende vorausgesagt. Sie liegt aber keinesfalls auf dem Sterbebett. Zumindest hier im Ortsverein sind wir überzeugt davon.« Gießens Oberbürgermeisterin Dietlind Grabe-Bolz und der SPD-Unterbezirksvorsitzende Matthias Körner betonten in ihren Grußworten, dass es derzeit keine rosigen Zeiten für die SPD seien. Die Chancen, die sozialdemokratische Überzeugung zu gestalten und zu leben, seien aber heute so gut wie nie zuvor. Sie plädierten deshalb für mehr Selbstbewusstsein.

Einen Rückblick auf die Anfänge und die Geschichte der Arbeiterbewegung und die Sozialdemokratie in Ober- und Mittelhessen gab Professor Hans-Werner Hahn. Prange ergänzte zudem Wissenswertes zur Geschichte des Ortsvereins.

Mit einem kritischen Blick auf die Gegenwart und die Perspektiven der Sozialdemokratie beschäftigte sich der Landesvorsitzende und stellvertretende Bundesvorsitzende Thorsten Schäfer-Gümbel in seiner Rede. Die Partei müsse sich erneuern und dabei vor allem in die Zukunft schauen. Sie müsse darüber reden, was sie wolle, anstatt hervorzuheben, was sie nicht wolle. Man müsse im besten Sinne über die Zukunft streiten und im Wesentlichen Antworten auf elementare Fragen geben. Zum Beispiel: Wie gehen wir mit der Globalisierung um? Auch wenn Deutschland zu den Gewinnern der Globalisierung zähle, sei es für Europa eben »nicht egal, wenn in China ein Sack Reis umfällt«. Die SPD müsse klarer sagen, was Europa künftig darstellen solle und was verändert werden müsse. Die SPD müsse die Partei des sozial-ökologischen Ausgleichs sein, forderte Schäfer-Gümbel. »Wir müssen den Menschen ganz genau sagen, wie das mit dem Kohleausstieg und der E-Mobilität geht.« Zudem müsse man eine Antwort auf die soziale Ungleichheit finden, beispielsweise beim Lohnunterschied zwischen Männern und Frauen sowie bei der medizinischen Versorgung und der Mobilität im ländlichen Raum. Antworten müsse die SPD zudem darauf geben, wie die Digitalisierung gestaltet werden solle, welche Aufgaben der Sozialstaat übernehmen müsse und wie die Bürger in Zukunft leben sollten. Dies zu erklären, sei wichtig für die kulturelle und soziale Sicherheit der Menschen.

Der neue Landtagsabgeordnete Frank-Tilo Becher berichtete zudem über seine Erfahrungen aus dem Wahlkampf. Auf dem Seltersweg habe er unzählige Gespräche geführt. Dabei habe er immer wieder gespürt, dass viele Menschen das Vertrauen in die Partei verloren hätten und auf eine starke SPD warten würden. »Dieser Vertrauensbruch führt dazu, dass viele anders wählen, um der SPD in den Hintern zu treten. Wir können uns keine neuen Wählerinnen und Wähler backen. Ich will sie deshalb zurückgewinnen«, sagte Becher. Dazu brauche man klar erkennbare Positionen und eine gestärkte Beziehungsebene zu den Menschen, die wieder Vertrauen schaffe. Man müsse wieder lernen, Fragen zu stellen und Antworten zu geben. Das sei er nicht einfach und benötige viel Zeit und einen langen Atem.

Bechers Vorgänger Gerhard Merz sorgte mit seinem Vortrag »Sprache als Werkzeug der Politik« für Heiterkeit bei den Gästen. Bei vielen beispielhaften Zitaten und sprachlichen Fehlleistungen hatte er die Lacher auf seiner Seite. Musikalisch wurde der Abend von Johannes Becker am Klavier und Ulrich Hain an der Querflöte begleitet.

Schlagworte in diesem Artikel

  • Dietlind Grabe-Bolz
  • Gerhard Merz
  • Gießen
  • Globalisierung
  • Johannes Becker
  • Matthias Körner
  • Optimismus
  • SPD
  • Sozialdemokratie
  • Thorsten Schäfer-Gümbel
  • Gießen
  • Hans Pfaff
  • Schlagwort zu
    Meine Themen

    Sie haben bereits 15 Themen gewählt

    Sie folgen diesem
    Thema bereits

Klicken Sie auf ein Schlagwort, um es zu „Meine Themen” hinzuzufügen oder weitere Inhalte dazu zu sehen.


0
Kommentare | Kommentieren

Bilder und Videos

Kommentare

Kommentar hinzufügen