25. Januar 2018, 20:38 Uhr

Zwischen Traum und Realität

Geheimnisvoll sind die Bilder in der Kunsthalle im Rathaus. Die neue Ausstellung mit Fotografien der New Yorker Fotografin Anna Gaskell präsentiert ein künstlerisches Versteckspiel. Es gibt viel zu schauen und zu entdecken.
25. Januar 2018, 20:38 Uhr
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Von Dagmar Klein

Die mit Spannung erwartete erste Ausstellung der neuen Kuratorin Nadia Ismail wird am heutigen Freitagabend eröffnet. Sie wählte dafür die in New York lebende Künstlerin Anna Gaskell, die zur Vernissage erwartet wird. Gaskell ist in der deutschen Kunstszene relativ unbekannt, aber seit Ende der 1990er Jahre auf dem internationalen Ausstellungsparkett unterwegs. Die Kunsthalle Gießen präsentiert die erste institutionelle Ausstellung der Fotografin und Videokünstlerin in Deutschland. Worauf die Kuratorin einigermaßen stolz ist, kommt doch hinzu, dass sie ihre Dissertation über Anna Gaskell geschrieben hat. Die erste wissenschaftliche Arbeit über die Künstlerin ist, wie sie sagt, sozusagen ein Lückenschluss in der Forschung.

Um die Künstlerin dem Publikum vorzustellen, wählte Ismail deren erste Fotoserie »Hide« von 1998, mit der sie bekannt wurde, dazu die 2005 entstandene Fotoserie »1991« und zwei Videoarbeiten, in denen Kinder, zumeist Mädchen, die Darstellenden sind. Der Ausstellungstitel »Hide and Seek« bedeutet im Deutschen Versteckspiel. Das sagt viel über die Ausstellung, die mehr versteckt als sie zeigt, und darüber enorm anregend für die Fantasie der Betrachtenden ist, gleichzeitig Neugier und Unwohlsein weckt.

Jedes einzelne Foto ist geheimnisvoll, scheint eine Szene aus einem Film oder einem Buch zu sein, doch was genau erzählt wird, bleibt so diffus wie die angeschnittenen Räume und Motive. Man fühlt sich so unsicher wie im Traum. Insgesamt ist die Anmutung sehr »old fashioned«, scheint in Mobiliar und Kleidungsstücken dem 19. Jahrhundert verhaftet zu sein. Die Künstlerin schöpft aus dem Bildervorrat der westlichen Welt, der sich über Filme und Literatur tradiert. Hier scheint ein bisschen Hitchcock auf, dort ein bisschen Alice im Wunderland.

Tatsächlich hat die Künstlerin für diese Serie von dem Märchen »Allerleirauh« inspirieren lassen, bei dem es um Inzest zwischen Vater und Tochter geht, der durch den Widerstand der Tochter verhindert wird. Die Königstochter stellt unerfüllbare Aufgaben, wie das im Märchen üblich ist, die vor allem mit der Herstellung von besonderen Kleidern zu tun haben. Auch bei Gaskell spielen Textilien eine zentrale Rolle, das sind Strumpfhosen, Unterwäsche, Teppiche. Doch über allem schwebt gleichsam eine Ahnung von Sexualität und Gewalt, bedrohlich.

Letzteres schwingt auch bei der anderen Fotoserie mit, die sich auf das persönliche Erleben der Künstlerin bezieht: 1991 starb ihr Vater, er wurde im Wald gefunden. Auf drei Großfotos sehen wir einen Cowboy mit Revolver, ein Mädchen spielend im Wald, aus großer Ferne eine liegende Person im fast luftleeren Raum. Das wirkt so unscharf wie Film-Stills. Gibt es zwischen den Motiven einen Zusammenhang? Was ist passiert?

Zu ihrer Serie »Erasers« gehört die Geschichte von einem Autounfall der Mutter, die Kindern auch über Fotografien erzählt wurde. Eine Woche später erzählen die Mädchen aus dem Gedächtnis, wobei ihre Geschichten enorm variieren. Für dieses Video muss man Englisch gut verstehen. Hingegen kommt der Kurzfilm über eigene Tanzchoreografien von Kindern einer Sonderschule ohne Sprache aus, er ist entspannend auch dank der unterlegten Ballettmusiken. Die Ausstellung wird online erweitert auf blinkvideo.mediaart, wo man Gaskells Video »Replayground« (2009) anschauen kann.



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