28. Oktober 2021, 21:12 Uhr

»Akustische Umweltverschmutzung«

28. Oktober 2021, 21:12 Uhr
LKL
Schießanlage der Homberger Schützengilde, die im Waldgebiet Herrmannsberg liegt. FOTO: KS

Gemütlich auf der Terrasse Kaffee trinken? Das sei aufgrund des Lärms nicht möglich, stattdessen sei sie kürzlich bei schönstem Sonnenschein mit ihrer Familie ins Haus umgezogen. So schildert es eine Frau aus Homberg.

Die Frau berichtet von einem Schreiben, dass sie im Namen einer »Gruppe Homberger Bürger, die sich gegen den fast täglich zu ertragenden Schießlärm der Schützengilde Homberg zur Wehr setzt« an das Kreisbauamt gesendet hat. Die Forderung: Der Verein müsse für konstruktiven Lärmschutz sorgen.

Obwohl die Schießzeiten der Schützengilde nur in Ausnahmefällen an Werktagen vorgesehen seien, so die Verfasserin, werde fast täglich geschossen - und sogar an Tagen, die die Schützengilde selbst als Schießtage ausgeschlossen habe, etwa jüngst am Konfirmationstag.

Zudem verweist die Frau auf das Bundes-Immissionsschutzgesetz, wonach Schalldruckpegel von 80 bis 90 Dezibel nicht überschritten werden dürfen, was in Homberg jedoch ständig geschehe, und behauptet, dass für die Anlage keine Genehmigung gemäß Paragraph 19 bestehe.

»Wir fordern, dass bis zur Umsetzung eines konstruktiven Lärmschutzes der Schießbetrieb eingestellt wird, da weder ein entsprechend großer Abstand zur Schießanlage oder natürliche Hindernisse für eine Dämpfung der Schallausbreitung zur Verfügung stehen«, heißt es in dem Schreiben, das die Verfasserin auch an die heimische Presse geschickt hat.

Und weiter: »Wir erwarten den sofortigen Vollzug, weil das besondere öffentliche Interesse und das überwiegende Interesse der Bewohner des an den Schießstand angrenzenden Wohngebietes die Interessen der Schützen überwiegen.«

Die Schießgeräusche werden von der Verfasserin, die angibt, dass die Gruppe anonym bleibe, um sich »gegen zu erwartende Repressalien zu schützen«, mehrfach als »akustische Umweltverschmutzung« bezeichnet. Dies störe sowohl die Mittagsruhe als auch den Schlaf der Schichtarbeiter, erzeuge Stress, verstöre Haustiere und mache den Menschen Angst. Zudem sei die gesundheitliche Gefährdung durch Lärm wissenschaftlich belegt. »Wird der Schießbetrieb fortgesetzt, werden wir kurzfristig eine Bürgerinitiative ›Gegen den Schießlärm‹ gründen«, heißt es am Ende des Schreibens.

Die Kreisverwaltung teilte auf Anfrage dieser Zeitung diesbezüglich mit, dass der Vogelsbergkreis als Untere Immissionsschutzbehörde bei einer Überprüfung im Stadtgebiet, die auch die Waffenbehörde involviert gewesen sei, keine Überschreitungen festgestellt habe, die ein immissionsschutzrechtliches Einschreiten rechtfertigen würden. Zudem sei der Schießstand sowie Schießbetrieb genehmigt - und dies bereits seit dem Jahr 1962. Einschränkende Betriebszeiten, so die Verwaltung, gebe es in der Genehmigung nicht.

»In regelmäßigen Abständen werden weitere Überprüfungen stattfinden, ein akuter Handlungsbedarf ist im Moment nicht gegeben, da bei der jüngsten Kontrolle keine rechtswidrigen Überschreitungen festgestellt wurden«, erklärte Pressesprecherin Sabine Galle-Schäfer.

Davon abgesehen, so die Kreisverwaltung, werde der ordnungsgemäße Betrieb auf der Schießanlage in regelmäßigen Abständen von der Waffenbehörde überprüft.

Aufgrund von Beschwerden aus der Bevölkerung sowie anonymen E-Mails und Briefen haben sich inzwischen auch die Stadt Homberg und der Verein in einer gemeinsamen Pressemitteilung zu Wort gemeldet. Willi Reich, der Vorsitzende der Schützengilde Homberg, verneint darin, dass häufiger geschossen werde als früher. Er räumt jedoch ein, »dass mehr Großkaliber zu Einsatz kommen«, was lärmintensiver sei.

Unter der Woche werde unregelmäßig ein- bis dreimal im Zeitfenster zwischen 10 und 12.30 Uhr bzw. zwischen 15 und 17.30 Uhr geschossen. An den ersten Feiertagen an Ostern, Pfingsten, Weihnachten sowie Wochenfeiertagen und bei Kommunionen oder Konfirmationen werde der Schießbetrieb ausgesetzt, so Reich. Zudem verzichte man auch bei Hochzeiten oder Trauerfeiern auf Schießübungen, wenn das an den Verein herangetragen werde.

In der Pressemitteilung stellt der Vorsitzende der Schützengilde den Anwohnern jedoch eine Verbesserung der Situation in Aussicht. »Geräuschdämmende Maßnahmen sind derzeit sowohl in Planung als auch in Ausführung«, so Reich. Bei den Kurzwaffenständen werden gerade schallabsorbierende Elemente verbaut und bei den Langwaffen sei ein schallabsorbierender Tunnel geplant. Reich: »Mit diesen Maßnahmen möchte die Schützengilde der Bevölkerung entgegenkommen und dem gestiegenen Ruhebedürfnis Rechnung tragen.«

Grundsätzlich sei die Schützengilde an einem offenen Miteinander interessiert und biete eine Kontaktaufnahme bei Reich unter der Telefonnummer 01 72/6 95 61 75 oder an wi.reich@t-online.de an, »um Probleme zu besprechen und gemeinsam zu lösen«, heißt es weiter.



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