04. Oktober 2009, 19:06 Uhr

Zu wenig Einsatz gegen die Mafia

Alsfeld (ml). »Organisierte Kriminalität ist das Krebsgeschwür der Demokratie«, sagte der Autor Jürgen Roth bei seinem Vortrag im Rahmen der Reihe »Der Vulkan lässt lesen« am Freitag im Alsfelder Amtsgericht.
04. Oktober 2009, 19:06 Uhr
Die Politik tut zu wenig gegen organisierte Kriminalität: Autor Jürgen Roth in Alsfeld. (ml)

Alsfeld (ml). »Organisierte Kriminalität ist das Krebsgeschwür der Demokratie«, sagte der Autor Jürgen Roth bei seinem Vortrag im Rahmen der Reihe »Der Vulkan lässt lesen« am Freitag im Alsfelder Amtsgericht. Der Frankfurter Journalist beschäftigt sich seit vielen Jahren mit dem organisierten Verbrechen, speziell der Mafia. In seinem aktuellen Buch »Mafialand Deutschland« zeigt er anhand vieler Beispiele wie groß der Einfluss der Mafia in Deutschland ist. Rund zwei Stunden lang erzählte Roth im Sitzungssaal des Gerichts den fast 50 Zuhörern interessante Fakten über die Strukturen und Arbeitsweise der Mafia und berichtete auch über die mangelnde Auseinandersetzung der Justiz und der Politik mit diesem Thema.

Nach kurzer Begrüßung durch den Geschäftsleiter des Amtsgerichtes Jens Götting und Anne Naumann von der OVAG folgte der Vortrag von Jürgen Roth, der als einer besten Kenner der Mafia gilt. Seit 1971 hat er zahlreiche TV-Dokumentationen und Bücher dazu veröffentlicht. Man wolle in Deutschland nicht wahrhaben, »dass die Mafia unter uns ist«. Man halte es immer noch »nur für ein italienisches Problem«. Erst nach den Morden von Duisburg im August 2007 sei die kalabresische Mafia, die Ndrangheta im öffentlichen Bewusstsein. Vorher habe man kaum über die Mafia geredet und auch mittlerweile sei dieses Thema wieder aus den Köpfen der Menschen verschwunden. Diese Morde in einer Pizzeria in Duisburg seien nicht einer Fehde zwischen Mafia-Clans zuzuschreiben. Diese Fehden gebe es nicht, dies sei »nur ein Betriebsunfall« gewesen, bei dem es sich um innerfamiliäre Konflikte gehandelt habe.

Die Ndrangheta, die auch in dieser Region Hessens vorhanden sei, mache pro Jahr schätzungsweise 50 bis 60 Milliarden Euro Umsatz, die gesamte Mafia bringe es in Deutschland auf etwa 150 Milliarden Euro, so Roth. Diese Clans seien zudem militärisch bestens ausgestattet mit Sprengstoff oder Panzerabwehrraketen. Ihre Gelder generiere die Mafia aus Drogen- und Waffenhandel, Schutzgelderpressung sowie Finanz- und Anlagebetrug. Der Kokainmarkt sei zum Beispiel fest in Händen der italienischen Mafia. Zahlreiche Restaurants und Hotels in Deutschland gehören mittlerweile der Mafia, die diese zur Geldwäsche benutze.

Ziel der Mafia-Clans, sobald sie nach Deutschland kamen, war es, gesellschaftliche Kontakte zu knüpfen, so wurde beispielsweise in Erfurt ein Restaurant direkt gegenüber der Staatskanzlei eröffnet, in dem auch namhafte Mitglieder der Landesregierung speisen, erzählte Roth, der auch von anderen engen Beziehungen zwischen Mafia-Mitgliedern und Politikern zu berichten wusste. Durch diese gesellschaftliche Infiltration erlangen sie wirtschaftlichen und politischen Einfluss. Die Mafia sei ein multinationales Unternehmen, das sich bestens in der Finanzwelt auskenne. Auf der anderen Seite seien sie streng patriarchalisch und feudalistisch strukturiert. Die Ndrangheta sei in Hessen flächendeckend vertreten, allerdings weigern sich Politiker dies anzuerkennen.

Neben der italienischen Mafia sei in den letzten Jahren auch die sogenannte »Russen-Mafia« immer mehr in Deutschland aufgetaucht. Russische Investoren seien häufig Mitglieder oder haben enge Verbindungen zu Mitgliedern der Russen-Mafia, wie er am Beispiel der Rostocker Wadan-Werft erläuterte, die von einem russischen Investor vor dem Bankrott gerettet wurde. Zum Schluss seiner Ausführungen äußerte er sich noch zu den »Hell’s Angels«, die ebenfalls eine hochkriminelle Organisation in Deutschland betrieben. Ihr Geld verdienen sie mit Waffenhandel, Zwangsprostitution und Drogen. Das Amüsierviertel in Hannover sei zum Beispiel ganz in den Händen der Hell’s Angels. Sie haben die territoriale Herrschaft über eine Stadt oder einen Stadtteil erreicht, dies sei das Ziel jeder kriminellen Organisation.

In Deutschland werde der Bereich organisierte Kriminalität stark vernachlässigt, personell und finanziell. Die Gründe dafür seien unklar, aber es gebe Mutmaßungen, dass es auch politisches Interesse sei, dort nicht weiter zu ermitteln. Häufig würden polizeiliche Erkenntnisse den Aussagen von Politikern widersprechen. Diese leugnen grundsätzlich Beziehungen zu Mitgliedern der Mafia. Um mehr gegen die organisierte Kriminalität unternehmen zu können, müsse die Polizei besser ausgerüstet werden. Vor allem müsse dieses Thema »endlich in die Köpfe der Politik und der Justiz gelangen«. In der politischen Elite beschäftige sich niemand ernsthaft mit diesem Thema, so das Fazit Roths.



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