23. September 2022, 21:51 Uhr

Amputationen verhindern

23. September 2022, 21:51 Uhr
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Aus der Redaktion
Dr. André Schneider (von links), Leitender Oberarzt und Sektionsleiter der Gefäßchirurgie am Kreiskrankenhaus in Alsfeld (KKA), führte mit Eckhard Hermann (im Vorstand des Fördervereins), durch den Abend. FOTO: PM

»Helmut Schmidt ist auch 96 Jahre alt geworden, und der hat auch geraucht und stressig gelebt« - Immer wieder sei dieser Ausspruch zu hören, sagt Dr. André Schneider, Leitender Oberarzt und Sektionsleiter der Gefäßchirurgie am Kreiskrankenhaus des Vogelsbergkreises in Alsfeld (KKA), zu Beginn seines Vortrags in der Krankenpflegeschule.

Sehr oft würde allerdings die Gefahr unterschätzt, die von schlechter Durchblutung in den Beinen ausgehe. Und viele Menschen finden den Weg in Behandlung erst, wenn es schon viel zu spät ist. Sein Vortrag ist der Auftakt der vom Förderverein des Kreiskrankenhauses veranstalteten Reihe. Und zugleich ein Appell, Arteriosklerose und die peripheren arteriellen Verschlusskrankheiten (PAVK) ernster zu nehmen.

Der Zeitpunkt für den Vortrag, den Eckhard Hermann, Beisitzer im Vorstand des Fördervereins, einleitet, konnte besser nicht sein. Denn der September ist von der »Critical Limb Ischemia Global Society« zum Monat zum Thema Verschlusskrankheiten ausgerufen worden.

Damit will die Initiative zu kritischen Durchblutungsstörungen in den Extremitäten informieren, um so Amputationen und Todesfälle zu verhindern. Denn Systemerkrankungen der Schlagadern, die unter anderem Herzinfarkte und Schlaganfälle bedingen, bleiben meist lange unerkannt. Die Arteriosklerose, Ablagerungen von Kalk in der Wand der Arterien, schreitet langsam voran - und wenn sie schließlich immer mehr Probleme macht, »wird sie noch immer nicht ernst genug genommen«, weiß der Experte. Es gebe verschiedene Faktoren, die die Arteriosklerose beeinflussen, »Einige Faktoren, wie etwa erbliche Vorbelastung, lassen sich nicht beeinflussen, doch »auch wenn Helmut Schmidt es geschafft hat, sehr alt zu werden - die meisten schaffen es nicht«, ist sich Dr. Schneider sicher.

Denn Rauchen, mangelnde Bewegung oder schlechte Ernährungsangewohnheiten haben einen negativen Einfluss. »Weltweit sind mehr als 200 Millionen Menschen von den Auswirkungen arterieller Verschlusskrankheiten betroffen - mehr als es Menschen von Alzheimer, koronaren Herzerkrankungen, Krebs oder Aids sind«, sagt der Gefäßspezialist.

Bei fünf Prozent aller Über-Fünfzigjährigen seien Arterienverkalkungen zu beobachten, die über Jahre hinweg immer schlimmer werden, bis sie schließlich problematisch werden.

»Allerdings verlaufen viele dieser Krankheiten asymptomatisch, was dazu führt, dass oft zu spät gehandelt wird«, macht Schneider deutlich. Und die PAVK sei in vielen Fällen ein starkes Indiz dafür, dass auch koronare Herzerkrankungen vorlägen, führt er weiter aus.

Erkrankungen ließen sich relativ früh und beim ersten Verdacht mit spezieller Diagnostik erkennen. Gerade auch bei Menschen, die an Diabetes erkrankt seien, sei eine umfassende Diagnostik angezeigt, um spätere schwerwiegende Probleme zu minimieren. »Denn die sogenannte Schaufensterkrankheit, sprich immer nur kurze Strecken schmerzfrei gehen zu können, bevor man anhalten und ausruhen muss, bevor es weitergeht, führt statistisch gesehen öfter und früher zu Todesfällen, als die meisten Krebserkrankungen«, mahnt der Experte. Umso früher das Problem bekannt sei, umso besser könne man dagegen vorgehen, »denn am Ende einer PAVK steht leider immer wieder eine Amputation, bei der dann Zehen, Teile vom Fuß, oder Teile des Beines verloren gehen.«

Und was kann neben gesünderem Lebensstil getan werden, um die Risikofaktoren zu minimieren? Gehtraining mit 35 bis 50 Minuten pro Tag, drei- bis fünfmal pro Woche. »Über drei Monate hinweg mit einer 100 bis 150-prozentigen Zunahme der Gehstrecke«, sagt der Mediziner. Das verbessere die Lebensqualität, »und Studien belegen, dass es die Mortalitätsrate bei PAVK um 26 Prozent senken kann«, sagt Dr. Schneider. Schwerwiegende Operationen, bei denen entweder Adern wieder geöffnet werden, Stents, oder Bypässe gesetzt werden, könnten so gegebenenfalls vermieden - zumindest aber sehr positiv begleitet werden, führt der Mediziner aus.

Zum Ende des Vortrags lädt Eckhard Hermann zur nächsten Veranstaltung in der Reihe am Dienstag, 5. Oktober, ab 19 Uhr in der Krankenpflegeschule ein. Dr. med. Daniel Rosca wird dann zum Thema »Kreuzbandersatz und Knorpeltherapie« referieren. Die geltenden Hygieneregeln am Kreiskrankenhaus (Maskenpflicht) sind weiterhin zu beachten. Aufgrund der begrenzten Teilnehmerzahl wird deshalb um Voranmeldung unter gf-sekretariat@kkh-alsfeld.de gebeten.



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