17. August 2017, 20:59 Uhr

So können Taube telefonieren

17. August 2017, 20:59 Uhr
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Aus der Redaktion
Telefonschriftdolmetscherin Barbara Becker demonstriert ein Telefongespräch mithilfe des Computers für Hörgeschädigte. (Foto: pm)

Nicht hören können aber das Telefon benutzten – geht das überhaupt? Dass das sehr wohl klappt erfuhren kürzlich Mitglieder der Alsfelder Jungen Union (JU) beim Besuch der Neuen Dienste Vogelsberg in der Altenburger Straße. Seit 2006 ist das eigenständige Tochterunternehmen der Neue Arbeit Vogelsberg gGmbH Dienstleister für die Tess Relay Dienste die im Auftrag der Bundesnetzagentur Telefondolmetschdienste in Gebärdensprache (TeSign) und Schriftsprache (TeScript) für den privaten und beruflichen Bereich anbietet.

Dagmar Gottschalk, die Verantwortliche für das Dolmetschteam und das Qualitätsmanagement der Neue Dienste Vogelsberg wies darauf hin, dass man zwischen dem Kommunikationshilfe-Bedarf schwerhöriger und gehörloser Menschen unterscheiden müsse. Gehörlose, also Menschen, die ohne Gehör auf die Welt gekommen sind beziehungsweise bei denen die Hörfähigkeit von Geburt an weitgehend fehlt, verständigten sich in ihrer Muttersprache, der Deutschen Gebärdensprache.

Um eine reibungslose Kommunikation zwischen ihnen und gut Hörenden zu gewährleisten, kämen Gebärdensprachdolmetscher zum Einsatz. Menschen, die nach dem Spracherwerb schwerhörig würden oder ertaubten, somit in der deutschen Lautsprache aufgewachsen seien und kommunizierten, benötigten hingegen in bestimmten Situationen die Unterstützung etwa von Schriftdolmetschern oder wie im Fall des Telefonvermittlungsdienstes Tess TeScript von Telefonschriftdolmetschern, die das gesprochene Wort zum »Mitlesen« mitschreiben.

Was das in der Praxis bedeutet, demonstrierten Dagmar Gottschalk und Telefonschriftdolmetscherin Barbara Becker in einem fiktiven Telefongespräch. Die Kontaktaufnahme mit TeScript erfolgt entweder mit dem PC über die Tess-Software oder per Handy und Tablet über die App. Bei der Vermittlungsstelle ertönt ein Klingelzeichen, die Telefonschriftdolmetscherin nimmt das Gespräch entgegen – sie ist live und schriftlich mit dem Kunden verbunden – und wählt die gewünschte Telefonnummer. Meldet sich der gut hörende Teilnehmer, wird ihm (mündlich) die Kommunikationssituation kurz erklärt und gleichzeitig (schriftlich) dem Tess-Kunden signalisiert, dass er sein Gespräch beginnen kann. Die Vermittlungsarbeit besteht nun darin, dass alles, was der Tess-Kunde schreibt, vorgelesen und das, was der gut hörende Gesprächspartner sagt, mitgeschrieben wird. Auch Notrufe können an die zuständige Leitungsstelle Deutschland in den Dienstzeiten weitergeleitet und vermittelt werden. Die zehn Mitarbeiter übernehmen an 365 Tagen von 8 bis 23 Uhr – zeitweise mit zwei oder drei besetzten Terminals – die Vermittlung. Mit dem in diesem Jahr geänderten Telekommunikationsgesetz, das vorsieht, dass behinderte Endnutzer jederzeit Zugang zu den Telekommunikationsdiensten und somit auch zum Notruf haben müssen, soll die Telefonvermittlung für Hörgeschädigte spätestens ab Januar 2019 rund um die Uhr erreichbar sein.



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