29. September 2017, 05:00 Uhr

Chinesen

Aus Millionenstädten raus aufs Land

Ein paar Briefkastenfirmen und ein Sanitärausstatter in Alsfeld, manchmal eine Reisegruppe in der Fachwerkstadt und an der Musikakademie Schlitz – die Chinesen kommen in den Vogelsberg.
29. September 2017, 05:00 Uhr
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Von Joachim Legatis
Der Mädchenchor aus Binzhou wird an der Max-Eyth-Schule nach dem Auftritt bewirtet. (Foto: jol)

Das Interesse in China am Vogelsberg ist im Wachstum begriffen, nun wird sogar ein deutsch-chinesisches Kulturzentrum mit Schwerpunkt auf die Deutsche Sprache in der Millionen-Stadt Binzhou geplant. So langsam entwickelt sich eine stabile Beziehung zwischen der ländlichen Vogelsberg-Region und der Stadt in der Provinz Shandong an der Ostküste nahe der koreanischen Halbinsel. Um diese Verbindungen kreiste die jüngste Hauptversammlung des »deutsch-chinesischen Kultur- und Wirtschaftsvereins Osthessen«.

Vorsitzender des Vereins ist der Schlitzer Bürgermeister Hans-Jürgen Schäfer, er erläuterte die Schwerpunkte der aktuellen Aktivitäten. Wichtige Anlaufpunkte für die chinesischen Besuchergruppen sind die Landes-Musikakademie in der Burgenstadt und die Max-Eyth-Schule in Alsfeld. Die Stadt Binzhou hat rund vier Millionen Einwohner, mehrere Schulen und eine Hochschule.

Lob für duales Ausbildungssystem

»Wir haben festgestellt, dass die chinesischen Delegationen ein ganz großes Interesse an dem dualen Ausbildungssystem haben,« sagt Schäfer. Im März waren chinesische Bildungsexperten zu Besuch an der beruflichen Schule in Alsfeld. Schon bei diesem Treffen ging es um ein geplantes Kulturzentrum in Binzhou, das in erster Linie Deutschkurse anbieten soll. Dieses Gespräch wurde nun vertieft, so laufen die Planungen in der chinesischen Stadt, wie Schäfer nach der Versammlung erläuterte. Ein Investor sei bereit, das Sprachzentrum zu errichten. »Die chinesischen Partner brauchen für solch ein Projekt die Zustimmung der obersten Führung, und darum bemühen sie sich zur Zeit.« Es sei unklar, wie lange diese Abstimmung braucht, erläutert Schäfer weiter.

Ein weiteres Ziel ist es, Studierenden der Hochschule von Binzhou längere Praktika in Deutschland zu ermöglichen. So gibt es an der Hochschule eine Abteilung für Kranken- und Altenpflege, an der 10 000 junge Menschen studieren. In China werde an einigen Schulen Deutsch als Fremdsprache gelehrt, Grundkenntnisse sind also vorhanden. Für junge Leute mit Deutschkenntnissen werde nun nach Angeboten gesucht. »Wir diskutieren, ob vier oder sechs junge Menschen für ein Jahrespraktikum nach Deutschland kommen sollen,« sagt Schäfer.

Von deutscher Kultur fasziniert

Dabei sieht er neben dem wirtschaftlichen Interesse auch eines an der hiesigen Kultur. Er hat die Erfahrung gemacht, dass die chinesischen Besucher fasziniert von der hiesigen Lebensweise sind. »Manche Besucher stehen morgens um 6 Uhr auf und laufen einfach herum. Sie freuen sich über die Ruhe und die gute Luft – das sind sie nicht gewohnt,« beschreibt Schäfer die Erfahrungen mit den Besuchern aus dem Reich der Mitte. Immer wieder seien ihre Gäste begeistert von den Konzerten und den guten Bildungsangeboten im ländlichen Raum. So seien sie stark interessiert an der tollen Landes-Musikakademie und der hervorragenden Max-Eyth-Schule mit ihrem dualen Ausbildungsangebot.

Dabei bietet der Verein eine Brücke für Interessierte aus Binzhou und dem Vogelsberg, die jeweils andere Kultur kennen zu lernen. Die wird langsam stabiler, denn Schäfer ist besonders aufgefallen, wie vorsichtig die chinesischen Gäste vorgehen. Sein Eindruck: »Es braucht mehrere Kontakte, bis da ein Vertrauen in das Gegenüber aufgebaut ist«.



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