05. Juli 2018, 08:00 Uhr

Pflege

Zu viel Druck auf überlasteten Pflegekräften

Über Missstände in der Altenpflege kann sich Ingo Schwalm aufregen. Er betreut Demenzpatienten und schaut in viele Heime. Zu oft sieht er überlastete Pflegekräfte und schlecht betreute Klienten.
05. Juli 2018, 08:00 Uhr
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Von Joachim Legatis
Ein großes Problem in der Pflege ist der Personalmangel. Die Helferinnen und Helfer müssen oft viele Patienten betreuen und werden dabei nicht selten regelrecht »verschlissen,« wie Experten klagen . (Foto: dpa)

Ein Gespräch mit Ingo Schwalm kommt ganz schnell auf die Probleme der Alten- und Krankenpflege. Das beschäftigt den Fachkrankenpfleger und Demenz-Spezialisten des Medizinischen Zentrums Lauterbach und Kreisvorsitzenden des Deutschen Gewerkschaftsbundes sehr. Sein Fazit macht nicht unbedingt Mut: »Es graut mir davor, alt zu werden und Pflege zu benötigen,« meint er am Ende eines Gesprächs über überlastetes Personal, Rendite der Pflege-Konzerne und die geplante Pflegekammer. In der jüngsten Sitzung verabschiedete der DGB Vogelsberg einen Aufruf an Pflegekräfte, gegen die geplante Pflegekammer zu votieren.

Schwalm kommt oft in Alten- und Pflegeheimen herum und kann sich auch nach langen Jahren noch darüber aufregen, wenn ein alter Mensch aufgrund von Flüssigkeitsmangel und Austrocknung stirbt oder ein Patient mit vollgemachter Hose in die Klinik verlegt wird. »Das verstößt gegen Artikel 1 des Grundegesetzes, gegen die menschliche Würde.« Neuester Anlass für seine Empörung ist die geplante Pflegekammer, für die gerade eine Umfrage in Krankenhäusern und Altenheimen läuft. Über 55 000 examinierte Pflegekräfte wurden vom hessischen Sozialministerium aufgefordert, ihre Haltung zur geplanten Pflegekammer zu äußern. Es ist aus der Sicht von Schwalm zwar wichtig, dass Pflegekräfte abstimmen gehen. Dennoch empfiehlt er mit »Nein« abzustimmen. Denn schon bei der Abstimmung würden Pflegekräfte »in zwei Klassen eingeteilt«. Abstimmen dürfen sollen nur diejenigen mit einer dreijährigen Ausbildung, Pflegehelferinnen mit ihrer einjährigen Qualifikation seien außen vor. Zudem werde eine Pflegekammer den Druck auf die Pflegekräfte noch weiter erhöhen. Denn es seien Pflichtfortbildungen zu erwarten, die auf eigene Kosten in der Freizeit zu absolvieren sind. »Es ist nicht zu erwarten, dass die Arbeitgeber freiwillig die Kosten für diese Fortbildungen tragen.« Die Pflegekammer fordere einen Pflichtbeitrag, beinhalte aber nicht einmal einen Rechtsschutz, wie das eine Gewerkschaft normalerweise bietet. »Das Ganze ändert auch nichts an den schlechten Arbeitsbedingungen,« kritisiert Schwalm. Vielmehr müsse die Arbeit grundsätzlich mehr Wertschätzung erfahren, es brauche eine vernünftige Bezahlung über den Mindestlohn hinaus und die Arbeitsbedingungen müssten besser werden. Die Pflege-Profis dürften nicht binnen weniger Jahre »verschlissen werden«.

Dabei bezieht er auch die Krankenpflege mit ein. Denn viele Krankenhäuser haben Tochtergesellschaften, die Stundenlöhne von 10,55 Euro zahlen. Das werde auch in vielen privaten Alten- und Pflegeheimen gezahlt, in diesem Fall sei die Altersarmut vorprogrammiert, regt sich Schwalm auf. Nach 40 Berufsjahren kämen die Beschäftigten, meist Frauen, auf eine Rente von unter 1000 Euro.

Allerdings kämen viele gar nicht so weit, sie würden deutlich früher aussteigen, weil die Überlastung zu gesundheitlichen und psychischen Problemen führt, weil wenige Kräfte zu viele Patienten versorgen müssen. Dagegen könnten nur Betriebsräte vorgehen, aber in der Pflegebranche seien nur wenige Menschen organisiert.

Dass die Politik das Problem nicht erkennt, sieht Schwalm in einer Entscheidung jüngst im Landtag. Danach sollen die Zugangsvoraussetzungen für eine Ausbildung in der Altenpflege herabgesetzt werden. So wolle der Landtag für die Pflegebranche Billigkräfte zulassen. »Das ist der falsche Weg mit mehr Druck und weniger Qualifikation,« sagt Schwalm.

Vielmehr müssten den Heimen und Krankenhäusern bessere Personalschlüssel vorgeschrieben werden, um eine Ausstattung wie in anderen europäischen Ländern zu erreichen. »Ich wünsche mir eine Fachkraft auf zwei Bewohner in Altenpflegeheim,« denn die weitaus meisten Bewohner hätten eine Demenzerkrankung und bräuchten gute Betreuung. Ganz praktisch fehlten zusätzliche Arme bei der Arbeit. So braucht man zwei Pflegerinnen, um einen bettlägerigen Menschen an die frische Luft zu befördern, »sonst liegt der immer nur in seinem Zimmer«. Zur Zeit konzentrierten sich Pflegeheimbetreiber vor allem auf ihren Profit und setzen zu wenige Pflegekräfteein aus. Da müssten den Unternehmen Quoten vorgeschrieben werden, um alten Menschen ihre Würde zu lassen.



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