02. Oktober 2018, 12:05 Uhr

Flüchtlinge

»Ausbildungswillige Asylbewerber in der Region halten«

Als »humanitäres Desaster« bezeichnet Kirchenpräsident Volker Jung die europäische Flüchtlingspolitik. Wie sich die Lage in der Region darstellt, berichtet Christian Hendrichs.
02. Oktober 2018, 12:05 Uhr
Vor drei Jahren war die Hilfsbereitschaft groß, danach machte sich bei Neuankömmlingen und Betreuern eine gewisse Ernüchterung breit. Einige der Asylbewerber leben dauernd zwischen Hoffen und Bangen. (Archivfoto: eva)

Mit Blick auf Äußerungen der CSU gibt er zu bedenken, dass die hier propagierte Flüchtlingspolitik sich an der Zahl von Wählerstimmen und nicht an den Schicksalen der Menschen orientiert. Es gehe viel um Stimmungen in einer »Erregungskultur«, um Kontrollverlust und Macht. »Es sieht so aus, als ob Europa hier seine Werte verspielt«, so der Kirchenpräsident

Jung fordert, eine menschliche Gesinnung in den Vordergrund allen Handelns zu stellen und eine an den Menschen orientierte Politik zu machen. Die drastisch steigenden Zahlen ertrunkener Bootsflüchtlinge und die zunehmende Infragestellung von Werten wie Achtung der Menschenwürde, Freiheit, Demokratie, Gleichheit, Rechtsstaatlichkeit und Wahrung der Menschenwürde waren auch Thema, als Jung Ende August nach Italien reiste. Hier forderte er »sichere Wege und großzügige humanitäre Aufnahmeprogramme«. Solche und weitere Alternativen, wie Einwanderungsmöglichkeiten im Rahmen von Arbeit und Ausbildung, könnten Schleppern Einhalt gebieten und das Sterben im Mittelmeer deutlich reduzieren.

Und die heimischen Flüchtlingsetreuer merken den rauheren Wind. Die Folgen der immer restriktiveren Flüchtlingspolitik beschäftigen insbesondere die Menschen vor Ort – auch im Vogelsberg. In der Flüchtlingsberatung des evangelischen Dekanats in Alsfeld bekommt Christian Hendrichs sie jeden Tag zu spüren. Er sieht, dass heute – bei stark gesunkenen Flüchtlingszahlen – die Möglichkeiten der Abschiebung nicht nur verstärkt, sondern auch unrechtmäßig angewendet werden. »Im vielzitierten Abschiebungsflieger zu Innenminister Seehofers Geburtstag saßen mehrere Asylbewerber, die noch im Verfahren waren und daher gar nicht hätten abgeschoben werden dürfen«, so der Experte, der auch eine Verschärfung des Tons im Umgang mit Geflüchteten wahrnimmt. »Uns sind Fälle bekannt, in denen die Ausländerbehörden Unternehmen davor warnen, Asylbewerber einzustellen«, berichtet er. Das Recht auf Ausbildungsduldung werde hier in Abrede gestellt.

Gleichzeitig begrüßt Hendrichs die Initiative der Wirtschaft und aus Teilen der Politik, ausbildungswillige Flüchtlinge in Deutschland zu halten. Die Haltung Seehofers in der Flüchtlingspolitik stößt bei Hendrichs auf massive Kritik: »Die ganze Aktion war total unnötig«, so die Einschätzung des langjährigen Vorsitzenden des hessischen Flüchtlingsrats.

»Durch sie wurde die Problematik viel höher gehängt, als sie ist und als viele Menschen sie empfinden.«

Gleichzeitig diene das Thema offenbar gut dazu, von anderen wichtigen gesellschaftlichen Herausforderungen wie Bildung, Umwelt oder Armut abzulenken. Zu dem Zeitpunkt, als Seehofer die bayrischen Grenzen habe sichern wollen, sei die Anzahl der Menschen, die diese Grenze zur Flucht nutzten, wöchentlich im unteren zweistelligen Bereich gewesen, ergänzt Hendrichs.

Die Blockade der Seenotrettung und das Kriminalisieren der Retter hält er für fatal, noch dazu für nicht zielführend, wenn das Ziel sei, dass weniger Menschen fliehen: »Die fliehen, haben nichts zu verlieren. Sie haben alles erlebt und begeben sich aufs Meer, obwohl gerade für Afrikaner, die das Meer noch nicht gesehen haben und oft nicht mal schwimmen können, das Wasser eine große Gefahr darstellt. Aber die Kriege in ihren Ländern, die menschenverachtenden Zustände in den Lagern, beispielsweise in Libyen – all das lässt ihnen keine Wahl.«

In seinen Beratungen sieht Hendrichs immer wieder Menschen, die von der Flucht gezeichnet sind. Keinesfalls könne man die Grenzen durch Deals mit Diktatoren sichern oder illegale Lager tolerieren: »Wenn wir uns Lager wie in Jordanien ansehen, wo 45 000 Menschen ohne Perspektive, ohne Versorgung und ohne Beachtung vor sich hinvegetieren, dann sollten wir uns fragen: Wollen wir das?«

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