30. Dezember 2018, 08:00 Uhr

Organspende

Das ganz besondere Geschenk

Die Möglichkeit der Nierenlebendspende ist nach Meinung von Thorsten Backwinkel-Pohl viel zu wenig im Bewusstsein der Menschen. Der Pfarrer aus Engelrod wurde 2016 zum Spender.
30. Dezember 2018, 08:00 Uhr
Organspender Thorsten Backwinkel-Pohl. (Foto: pm)

Wie kamen Sie auf die Idee, eine Niere zu spenden?

Thorsten Backwinkel-Pohl: Persönliche Betroffenheit. Im Herbst 2014 erfuhr ich vom Schicksal unserer befreundeten Familie, deren Tochter aufgrund einer Autoimmunerkrankung eine neue Niere brauchte. Meine Frau hatte die Idee, dass wir uns testen lassen. Man geht dennoch in die Sache rein mit dem Gedanken: »Wird sowieso nichts.« Und tatsächlich stellten wir fest, dass wir die falsche Blutgruppe hatten und damit war das Thema vom Tisch.

Aber dann kamen Sie doch wieder in Betracht?

Backwinkel-Pohl: Als sich in der Familie niemand fand, änderten die Ärzte ihre Strategie und zogen Personen unterschiedlicher Blutgruppen in Erwägung. Der Gesetzgeber schränkt den Personenkreis meiner Meinung nach zu stark ein. Verwandtschaft ersten oder zweiten Grades ist Voraussetzung oder Spender und Empfänger müssen einander »in besonderer persönlicher Verbundenheit nahe stehen«. Ich kannte die Betroffene seit ihrem fünften Lebensjahr. Sie ging als Freundin einer meiner Töchter bei uns ein und aus und auch zu den Eltern bestand eine enge Freundschaft.

Dann wurden Sie untersucht?

Backwinkel-Pohl: Da wird alles gecheckt, das ganze Programm. Letztlich bleiben die im Rennen, die kerngesund sind. Vielleicht haben Lebendspender deshalb statistisch eine höhere Lebenserwartung.

Gibt es irgendwann den Punkt, wo es kein Zurück mehr gibt?

Backwinkel-Pohl: Es gibt viele Möglichkeiten, das zu stoppen. Allein bei den psychologischen Gutachten reicht der geringste Zweifel. Bei mir wäre die Spende fast an der Ethikkommission gescheitert. Nachdem alle Tests durch waren, musste ich nach Frankfurt fahren, wo mich ein Mediziner, ein Jurist und eine Psychologin intensiv befragt haben. Mediziner und Jurist hatten keine Einwände, die Psychologin stellte die Enge der Beziehung zur Organempfängerin stark infrage. Da bin ich fast ausgerastet, war wütend und deprimiert.

Das heißt die Kommission lehnte Sie ab?

Backwinkel-Pohl: Weder noch. Die Kommission verweigerte im Anschluss die Stellungnahme und forderte ein weiteres psychologisches Gutachten. Erst danach gab es grünes Licht. Der OP-Termin, der schon feststand, war nicht mehr zu halten, sodass wir noch einmal warten mussten. Das war frustrierend.

Hatten Sie auch Erwartungen an die Empfängerin Ihrer Niere?

Backwinkel-Pohl: Eine Anspruchshaltung gibt es meinerseits nicht. Sie hat mir vorher sogar gesagt, dass sie das Motorradfahren nicht aufgeben möchte. Ich habe in meinem Beruf genug Motorradfahrer beerdigen müssen. Ich hasse Motorradfahren und würde es meinen Kindern – wenn ich könnte – verbieten. Also habe ich da erst einmal geschluckt. Für meine Entscheidung, ihr die Niere zu geben, hat das keinen Unterschied gemacht. Sie ist ein freier Mensch und man muss ehrlich alles ansprechen.

Sie sind Ehemann und siebenfacher Familienvater – hatte Ihre Familie nichts dagegen?

Backwinkel-Pohl: Man spricht natürlich viel und lange mit der eigenen Familie, immer wieder. Es war ja sogar die Idee meiner Frau, dass wir beide uns testen lassen. Sicher, wenn eines meiner Kinder irgendwann erkranken sollte, kann ich keine Niere mehr abgegeben. Eine Niere weniger heißt ja auch, dass der verbleibenden Niere nichts passieren darf. Ein Unfall etwa ist für mich nun schon ein höheres Risiko als zuvor. Das alles ist uns klar gewesen. Es gab aber keinen Einspruch.

Und was ist mit den Risiken?

Backwinkel-Pohl: Beim Essen und Trinken muss ich mich gar nicht einschränken. Einmal jährlich gehe ich zur Nachuntersuchung, wohl bis ans Ende meines Lebens. Ein Narbenschmerz ist geblieben, der erinnert mich an jenen Tag in 2016. Später könnte erhöhter Blutdruck hinzukommen. Aber so weit bin ich nicht. Und was die Narbe angeht: da hab ich einfach Pech gehabt. Ich habe aber volles Verständnis dafür, dass man Angst vor Krankenhäusern und Operationen haben kann. Ein mulmiges Gefühl hatte ich auch, als die Narkose gespritzt wurde. Klar denkt man dann: könnte sein dass du nicht mehr aufwachst. Als Lebenspender wusste aber sehr genau, worauf ich mich einlasse. Wir haben zwar eine Diagnostik für den Hirntod, aber was im Sterben noch alles passiert, außer dass die Hirnströme weg sind, das weiß doch kein Mensch. Und trotzdem sollen wir vorher entscheiden.

Wie haben die Leute reagiert, nachdem die Transplantation geglückt war?

Backwinkel-Pohl: Ich bin kein Gutmensch und jeder, der mich kennt, weiß das. Im Dorf spricht sich so etwas rum. Im Krankenhaus hatte ich viel Besuch nach der OP. Für mich war es dennoch eine Selbstverständlichkeit: Jemanden leiden sehen und dann helfen können, das ist doch ein Geschenk. Dieser Moment im Aufwachraum, wenn der Arzt ans Bett tritt und sagt: »Die Niere hat angefangen zu arbeiten…« Sie war so eingeschränkt und nun reist sie, lebt ohne Dialyse – eine ganz andere Lebensqualität für eine Frau Mitte zwanzig. Das ist doch toll!

Sollten sich also viele an Ihnen ein Beispiel nehmen?

Backwinkel-Pohl: Klar will ich ein Beispiel geben. Mir ist aber auch klar, dass es keinerlei Verpflichtung geben darf. Ich verstehe Nächstenliebe nicht so, dass man für alle alles tun muss. Für diese junge Frau wollte ich das tun.

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