28. Dezember 2018, 21:17 Uhr

Was den Menschen ausmacht

28. Dezember 2018, 21:17 Uhr
Engagierter Redner trifft konzentriertes Publikum: Kirchenpräsident Volker Jung mit Pfarrerin Karin Klaffehn und Victoria Reinhardt im Interview. (Foto: pm)

Es war ein Heimspiel für Volker Jung, als er auf Einladung im Lauterbacher Gemeindesaal sein neues Buch »Digital Mensch bleiben« vorstellte und nebenbei viele alte Bekannte wiedertraf. Zuvor zeigte ein kleines Anspiel die Bandbreite, in der sich Menschen heute bewegen: Vom Spaziergang mit dem Hund über Computerspiele in Dauerschleife oder einen kleinen Ausflug ans Meer per Virtual Reality bis hin zur kompletten Überwachung des eigenen Körpers durch einen selbst und des eigenen Lebens von außen.

Sein Credo nahm der Kirchenpräsident vorweg: »Wir können die digitale Entwicklung nicht aufhalten, aber wir können sie mitgestalten.« Ausgangspunkt für seine intensive Beschäftigung mit der Digitalität seien Reisen ins Silicon Valley gewesen. Bei Google und Facebook wurde er mit der Idee konfrontiert, mithilfe von künstlicher Intelligenz den Tod zu überwinden und gottgleich werden zu wollen – eine Vorstellung, die ihn als Kirchenmann gruseln lässt, wie er zugab, gleichwohl zeigte er sich beeindruckt von der Kundennähe von Facebook.

Zeiträuber Internet

Der Konzern wisse genau, was seine Kunden erwarten. »Wir sollten mit unserer beglückenden Botschaft auch solche nutzerorientierten Angebote machen«, regte Jung an. Auf der anderen Seite sei es natürlich genau dieses Angebot in den sozialen Medien, was es auch schwierig mache. Während junge Menschen eher die Vorteile sehen, die soziale Medien ihnen bieten, sieht der Kirchenpräsident eher die Gefahren.

Da sei zum einen der zeitliche Faktor, denn so ein Ausflug ins World Wide Web im Allgemeinen und in die sozialen Medien insbesondere verschlinge sehr viel Zeit. Da gehe es um das Setzen von Prioritäten, nicht zuletzt um die Sucht nach Klicks und Likes.

Dabei zeigte Jung sich durchaus versiert als Facebook-Nutzer, während er Medien wie Instagram oder Twitter gerne anderen überlässt. Als Facebook-Nutzer hat er festgestellt, dass Privates mehr Beachtung findet als Dienstliches oder Sachliches. Dennoch will er nicht zu viel Privates posten. »Man muss aufpassen, was und wie viel man von sich preisgibt«, so sein Rat. Für ihn als Kirchenpräsidenten stelle sich außerdem das Problem, dass er lieber hinter die Botschaft treten möchte, dass er sich nicht selbst zur Botschaft machen möchte, nur weil es gut ankomme. Wie interessiert das Publikum war, zeigte sich an vielen Fragen, die kamen. Über allem stand die Frage, wie das Thema Digitalisierung, Gott, Glaube und Interaktion ethisch überlegt werden kann.

Die Antwort des Kirchenmannes: Das Dreifachgebot der Liebe biete die Lösung: »Wer sich selbst liebt, wird darauf achten, was er von sich preisgibt, wer seinen Nächsten liebt, wird gut und respektvoll mit dem anderen umgehen, und wer Gott liebt, wird wahrnehmen, wo Grenzen sind, die man nicht überschreiten sollte« – wie etwa der Ausgangsgedanke vom Überwinden des Todes, den Jung klar als Hybris bezeichnete. Gleichzeitig plädiert er dafür, die Segnungen der Medizin und der Technik zum Guten zu nutzen. Es gebe gute Ansätze, Roboter in der Medizin oder in der Pflege einzusetzen, gleichwohl könne oder solle niemals ein Roboter den menschlichen Kontakt, die persönliche Zuwendung ersetzen. So war es kein Wunder, dass man auch in der Betrachtung der Digitalisierung am Ende zur Frage kam: Was macht den Menschen aus? Was ist die Seele? Was ist das Geheimnis des Menschen? »Es ist die neue Entdeckung eines alten Themas«, schien Jung nicht unerfreut zur Kenntnis zu nehmen. Für Kirche bedeute das Vorhandensein neuer Medien, dass man diese auch nutzen kann. Wie immer und überall komme es auf die Dosierung an, auf den Mix aus Analogem und Digitalem, natürlich auch mit Blick auf die Frage, ob eine Botschaft per Stream oder im Chat genauso berühren kann wie das Gespräch von Angesicht zu Angesicht. Das Publikum zeigte sich im Anschluss sehr diskussions- und redefreudig. So ging es noch um viele Themen rund um Digitalisierung: Hate Speech und Respektlosigkeit, die Digitalisierung von Schulen, die Möglichkeiten, sich mithilfe der Digitalität neue Welten zu erschließen. Auch einem sehr pessimistischen Ausblick mussten sich Redner und Publikum sich stellen, der davon ausging, dass das Internet dem Populismus Tür und Tor geöffnet hat, dass die digitale Entwicklung der Demokratie schadet und der Mensch die neuen Möglichkeiten – z. B. unbemannte Waffensysteme – nutzen wird, bis hin zu seinem eigenen Untergang. Volker Jung sieht diese Gefahren, dennoch kam er zurück auf seine Auffassung von Offenheit und Mitgestaltung, nicht zuletzt in seiner Eigenschaft als Pfarrer und Kirchenpräsident: »Ich bin ja schon von Amts wegen für die Hoffnung zuständig.«

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