13. Februar 2019, 21:57 Uhr

Gegen Vergessen und Rassismus

13. Februar 2019, 21:57 Uhr
GKM
Esther Bejarano tritt mit den Rappern der »Microphone Mafia« in Nieder-Gemünden auf. (Foto: gkm)

Gemünden (gkm). »Musik ist mein Leben«, sagt Esther Bejarano. Sie hat ihr Leben geprägt und die Fähigkeit, ein Musikinstrument zu beherrschen, hat ihr als junger Frau das Leben gerettet. Esther Bejarano gehört zu den letzten lebenden Mitgliedern des »Mädchenorchesters von Auschwitz«. Mit ihren 94 Jahren ist sie immer noch in ganz Deutschland unterwegs, um gegen Antisemitismus und Rassismus aufzutreten. Seit 2009 wird sie von den Rappern der Gruppe »Microphone Mafia« aus Köln unterstützt.

Esther Bejarano, deren Mädchenname Loewy lautet, stammt aus dem Saarland. Ihr Vater Rudolf Loewy war Kantor der jüdischen Gemeinde, und so gehörte Musik zum Alltag der Familie. Esther lernte Klavierspielen. Im April 1943 wurde sie nach Auschwitz deportiert. Ihre Eltern und eine ältere Schwester waren zu diesem Zeitpunkt bereits von den Nationalsozialisten ermordet worden, was sie erst später erfuhr. Im KZ wurde sie für das »Mädchenorchester« als Akkordeonspielerin verpflichtet und sie musste täglich den Marsch der Arbeitskolonnen durch das Lagertor begleiten oder spielen, wenn die Selektion der Gefangenen an den Bahnrampen durchgeführt wurde.

Sorgen wegen Rechtsextremismus

Heute sagt sie rückblickend: »Es wurde immer wieder gesagt, dass man nach Auschwitz kein Bild mehr malen könne, keine Musik mehr möglich sei. Das sehe ich anders. Ich will die Menschen aufklären und für mein Thema interessieren. Das geht sehr gut über die Musik.« Ihr Thema, das ist die Erinnerung an die Verbrechen der Nationalsozialisten, um zu verhindern, »dass so etwas noch einmal passiert«.

Im Moment bereitet ihr große Sorge, dass rechte oder rechtsextreme Gesinnung wieder an Zuspruch gewinnt: Terroranschläge des NSU, neue Zusammenschlüsse wie die Identitäre Bewegung, Pegida oder auch rechtslastige Netzwerke in Bundeswehr und Polizei. Das hält sie für eine »sehr bedenkliche Entwicklung«, die sie nicht nur in Deutschland, sondern in ganz Europa sieht. Dabei verweist sie auf »Parallelen in der Geschichte«: »Wenn zum Beispiel in Frankreich Moslem-Karikaturen veröffentlicht wuerden, die von Ausländerhass geprägt sind, erinnert mich das an die Nazi-Propaganda im Stürmer, mit der die Menschen gegen die Juden aufgehetzt wurden«, entrüstet sich Esther Bejarano.

»Oder nehmen Sie die vielen Menschen, die jetzt auf dem Mittelmeer von Rettungsschiffen aufgenommen werden, denen dann in den Häfen verboten wird, anzulegen. Das hat es in der Nazi-Zeit auch gegeben. Vielen Juden, die mit dem Schiff nach Kuba oder in die USA flüchten wollten, ist dort die Einreise verweigert worden. Sie mussten zurück nach Deutschland, und die meisten von ihnen sind umgebracht worden«.

Es sei so wichtig, dass Menschen, die ihre Heimat verlassen müssen, in anderen Ländern Asyl bekommen, sagt Bejarano. »Wer seine Heimat verlassen muss, der macht das ja nicht freiwillig. Die Menschen sind in Not und brauchen Hilfe«.

Was im Moment im Mittelmeer passiert, das sei eine Schande, sagt die engagierte Antifaschistin, die 1986 das Auschwitz-Komitee für die Bundesrepublik Deutschland gründete und 2008 für ihr langjähriges Engagement in der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten zur Ehrenvorsitzenden ernannt wurde.

Dass rechte Parolen heute wieder Zuspruch bekommen, hat für Esther Bejarano in Deutschland auch mit einer völlig unzureichenden Aufarbeitung der Nazi-Zeit zu tun. »Eine Entnazifizierung, die den Namen verdient hätte, hat es nicht gegeben,« beklagt sie. Das hat sie schon in den 1950er Jahren so gesehen und dennoch ist sie mit ihrem Mann Nissim im Jahr 1960 zurück nach Deutschland gekommen. Warum? »Nach dem Krieg dachte ich, dass ich nach Israel gehöre. Am Leben dort gefällt mir die Offenheit und Freundlichkeit der Menschen. In Deutschland ist man ja eher zurückhaltend. Doch der Krieg und der Rassismus der Juden untereinander sind schrecklich, denn Juden aus arabischen Staaten haben einen viel geringeren Status als diejenigen aus Europa. Auch das Verhalten gegenüber den Palästinensern ist nicht zu akzeptieren«, beklagt Bejarano.

Esther Bejarano und die »Microphone Mafia« treten am kommenden Samstag, dem 16. Februar, in Nieder-Gemünden in der evangelischen Kirche auf. Beginn ist um 20 Uhr. Veranstalter ist die Flüchtlingsinitiative Gemünden. Der Eintritt ist kostenlos.

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