19. Februar 2019, 12:15 Uhr

Rechtsextreme

»Es gibt kleine Orte, da fühlen sich die Menschen nicht mitgenommen«

Rechtsextreme Vorfälle und die Ermittlungen gegen Polizisten zeigen, dass es am rechten Rand der Gesellschaft nicht so ruhig ist. Dagegen halten Gruppen und Institutionen. Ein Gespräch.
19. Februar 2019, 12:15 Uhr
Mit Förderung aus »Demokratie leben« ist im Sommer 2018 der Mehrgenerationengarten in Zeilbach eingerichtet worden. (Foto: jol)

Untersuchungen gegen drei Polizisten und eine rechtsextreme Sonnenwendfeier – in Kirtorf scheint es Menschen mit Hang zur extrem Rechten zu geben, hat der Vogelsberg hier ein Problem?

Silvia Lucas: Von der organisierten Seite her haben wir in den letzten Monaten recht wenig mitbekommen. Neulich gab es in Schlitz Hakenkreuzschmierereien, viel mehr wurde uns nicht mitgeteilt. Als vor Jahren die Berserker in Kirtorf aktiv waren, sah das ganz anders aus. Damals waren da 25 Leute aktiv und hatten Ausstrahlung auf junge Leute, das ist heute nicht so und wir haben ein Auge darauf, dass das nicht wieder passiert.

Jens Mischak: Wir sind wachsam. Nehmen wir die Sonnenwendfeier, da hat die Stadt schnell reagiert und klar dagegen gehalten mit einer Verbotsverfügung gegenüber einem Kirtorfer. Treffen mit rechtsextremem Bezug sind verboten.

Hat sich die rechtsextreme Szene verlagert oder ist sie inaktiv?

Mischak: Was mir Sorge macht, sind die ungefilterten Kommentare auf digitalen Plattformen. In Online-Medien bleiben ausgesprochen problematische Kommentare manchmal unwidersprochen stehen.

Lucas: Da wird viel Hass in anonymen Kommentaren geäußert. Man kann es kaum verhindern, wenn jemand nachts um 1 Uhr einen Hasskommentar absondert. Das war vor zehn Jahren technisch nicht möglich. Es ist salonfähiger geworden, rassistische und undemokratische Sprüche zu bringen.

Woran liegt das?

Mischak: Es gibt einige kleine Orte im ländlichen Raum, da fühlen sich die Menschen nicht mitgenommen. Solche Haltungen können ein Hilferuf oder Weckruf sein. Die großen Parteien stehen dem weitgehend hilflos gegenüber.

Seit zehn Jahren werden Vereine und Gruppen im Einsatz für Demokratie unterstützt. Kommt das vor Ort an?

Lucas: Wir haben eine hohe Anzahl an Menschen, die sich gegen Rechtsextremismus engagieren. Bei einer sehr kurzfristig veranstalteten Kundgebung für Vielfalt und Demokratie kamen auf dem Marktplatz in Alsfeld 250 Leute zusammen. Bei Jugendlichen gibt es ein hohes Potenzial, sich für die Gesellschaft zu engagieren, da herrscht etwa großes Interesse am Thema Umwelt.

Mischak: Seit 2007 bestehen das Bundesprogramm Demokratie leben beziehungsweise seine Vorgängerprogramme im Kreis, es sind über eine Million Euro im Kreis geflossen. Das hat eine enorme Zahl an Projekten ermöglicht.

Lucas: Seit 2011 gibt es die Förderung in Alsfeld und seit vergangenem Jahr in Schotten – das kommt noch dazu.

Thomas Luft: Wir haben mal nachgezählt und sind auf 56 verschiedene Projektträger gekommen. Das ist eine große Breite.

Die Leute haben die Nase voll davon, dass Kirtorf als braun dargestellt wird

Silvia Lucas

Lucas: Es sind sogar noch mehr, weil kleinere Projekte über einen Pool finanziert werden. Da sind Kirchengemeinden, Vereine und Gewerkschaften dabei, also Leute mit ganz unterschiedlichen Einstellungen. Ein schönes Beispiel ist die Aktion der Frauenorganisation Soroptimist in Lauterbach im vergangenen Jahr. Da wurde bei einem Friedensfest das Löwen-Denkmal eingehüllt. Es gibt eine große Bereitschaft, sich zu unterstützen. Das merkt man auch beim Stammtisch des Netzwerks für Demokratie, der sich einmal pro Monat trifft.

Mischak: Das ist der große Vorteil im Vogelsberg. Die Leute kennen sich und es ist ein gewisses Grundvertrauen da, dass man sich offen austauschen kann. Das zeigt sich auch bei der Volkshochschule, die Veranstaltungen mit den politischen Stiftungen angebietet. Da sind gute Sachen dabei, die von vielen Teilnehmern besucht werden.

Wie effektiv ist das Programm mit Blick auf die aktuellen Schlagzeilen aus Kirtorf?

Mischak: Die Zielsetzung eines solchen Programms kann nur sein, zu helfen, ein Gegengewicht zu bilden. Dabei stört mich auch ein bisschen die Darstellung in den Medien. Man soll Sachen nicht größer schreiben als sie sind. So haben Parteien am rechten Rand dort nicht mehr Wählerstimmen als andernorts bekommen. Wenn ich an Kirtorf denke, dann denke ich vor allem an die engagierte Menschen dort, an rührige Vereine oder gelungene kulturelle Veranstaltungen wie die Sängerabende.

Lucas: Es gibt phantastische Menschen in Kirtorf, die nicht so viel Platz in Zeitungsberichten eingeräumt bekommen. Die Leute dort haben die Nase voll davon, dass Kirtorf als braun dargestellt wird.

Wo setzen Sie Schwerpunkte?

Lucas: Wir machen etwas Neues mit den Jugendgerechtigkeitskonferenzen. Da sollen gerade die, die sich sonst nicht so äußern, eine Stimme haben. Wir wollen 350 bis 450 Jugendliche erreichen.

Mischak: Demokratie braucht Menschen, die sich für sie einsetzen und die sich in die Gesellschaft einbringen. Dabei setzen sich viele eher punktuell bei bestimmten Aktivitäten ein, dafür gibt es das Programm.

Lucas: Das Programm war zudem strategisch angelegt. Bereits beim Antrags mussten wir eine Strategie formulieren, wie wir Politik und Zivilgesellschaft zusammen bekommen. Daraus ist das Netzwerk für den demokratischen Vogelsberg entstanden.

Mischak: Wenn die NPD einen Saal mietet, um eine Veranstaltung zu machen, kann das Netzwerk dazu beitragen, dass andere Positionen dargestellt werden.

Luft: Die Projekte bringen auch die Menschen vor Ort zusammen. Ein schönes Beispiel ist der Bürgergarten in Zeilbach, der letztes Jahr eingeweiht wurde.

Info

196 Projekte auf Kreisebene

Die Förderprogramme des Bundesfamilienministeriums im Rahmen des Programms »Demokratie leben« haben seit dem Jahr 2007 insgesamt 196 Projekte auf Kreisebene unterstützt. Dabei sind 895 000 Euro geflossen. Dazu kommen die Programme in Alsfeld und Schotten, was über eine Million Euro Förderung bedeutet. In diesem Jahr sind geplant: Integratives Musikprojekt, ein kunstpädagogisches Inklusionsprojekt, Denkwerkstatt, Jugenddialogkonferenzen, Rap-/Filmprojekt, Europafest in Kirtorf und eine Antisemitismusveranstaltung in Kirtorf und Homberg.

Schlagworte in diesem Artikel

  • Demokratische Defizite und Missstände
  • Elektronische Medien und Internet
  • Ermittlungen
  • Gesellschaften
  • Gespräche
  • NPD
  • Rechtsextremisten
  • Vogelsberg
  • Vogelsbergkreis
  • Joachim Legatis
  • Schlagwort zu
    Meine Themen

    Sie haben bereits 15 Themen gewählt

    Sie folgen diesem
    Thema bereits

Klicken Sie auf ein Schlagwort, um es zu „Meine Themen” hinzuzufügen oder weitere Inhalte dazu zu sehen.


0
Kommentare | Kommentieren

Bilder und Videos

Kommentare

Kommentar hinzufügen

Kommentar schreiben - Ihre Meinung zum Thema ist gefragt


Kommentare werden erst nach einer Prüfung durch die Redaktion veröffentlicht. Bitte beachten Sie die Netiquette sowie die Hinweise nach dem Absenden Ihres Beitrags.


Überschrift
Meine Meinung





Sie haben noch kein Login? Jetzt kostenlos registrieren.

Registrieren Sie sich kostenlos um Ihren Kommentar abzuschließen:

Wir garantieren Ihnen, dass alle persönlichen Daten nur beim Verlag intern verwendet werden und nicht ohne Zustimmung an Dritte weitergegeben werden.


Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:
Wieviel ist 31 - 1: 




Sie sind bereits registriert? Zurück zum Login.