28. März 2019, 12:00 Uhr

Dorfleben

Braucht Deckenbach ein Gemeinschaftszentrum im alten Sägewerk?

In Deckenbach steht das alte Sägewerk. Udo Wierlemann will mit anderen daraus ein Vorzeigeprojekt machen. Einziges Problem: Die anderen Dorfbewohner wollen das nicht.
28. März 2019, 12:00 Uhr

Von Kerstin Schneider , 3 Kommentare
Andreas Lehmann (l.) und Udo Wierlemann haben mit dem alten Sägewerk in Deckenbach viel vor. Dort könnte aus ihrer Sicht ein Ort für Gemeinschaftsaktionen entstehen. (Foto: ks)

Den globalen Wandel im kleinen Deckenbach auf ein menschen- und umweltfreundliches Maß bringen: Das schwebt den Projektwicklern für das 360-Einwohner-Dorf vor. In Informationsveranstaltungen legten sie dazu ehrgeizige Pläne vor. Die eigens gegründete Genossenschaft will demnach »Grundstücke, Gebäude und Energieanlagen zu wirtschaftlich und sozial verträglichen Konditionen bereit stellen.«

Vorzeigeobjekt soll das alte Sägewerk werden, stellen sich Udo Wierlemann und Andreas Lehmann vor. Für das Dorf könne »eine generationenübergreifende Begegnungsstätte« entstehen. Seit Monaten sind sie daran, Mitstreiter für das Vorhaben finden. Die Genossenschaft will die Fläche mit dem alten Industriegebäude kaufen und dort »ökologisch, ökonomisch und sozial nachhaltiges Wirtschaften« verwirklichen.

Lehmann nennt ein Beispiel für die aus seiner Sicht entfremdete Lebensweise vieler Menschen auf dem Land: »Morgens pendeln die Leute nach Frankfurt zur Arbeit, spätabends kommen sie müde zurück.« Über die Jahre sei vieles verschwunden, was früher die Dörfer prägte: Kneipen, kleinere Handwerksbetriebe und Geschäfte, Gemüsegärten, aber auch Gemeinschaftssinn. Stattdessen verlagere sich alles in die Zentren und nach außerhalb. Nun seien die Bewohner gezwungen, alles mit dem Auto abzuwickeln.

Ihr Projekt verspreche nicht nur dem Einzelnen mehr Lebensqualität. Gleichzeitig sollen Nachhaltigkeit und der Schutz der natürlichen Lebensgrundlagen eine große Rolle spielen. Die imposante Fachwerkhalle des alten Sägewerkes könne Tagungs- und Aufenthaltsräume bieten und »ressourcenschonendes Alltagshandeln« vereinen. So könnten zum Beispiel Maschinen gemeinsam genutzt oder Fahrgemeinschaften organisiert werden.

Aktuell soll bis Anfang April der Kauf abgewickelt werden, so der Plan. Den Kaufpreis wollen rund zehn Genossen im Rahmen der Bürgergenossenschaft und unter Hinzunahme von Fremdkapital aufbringen, hieß es. Im Mai könnte das Vorhaben starten. Dann müssen auf der Fläche von 6000 Quadratmetern Sanierungsarbeiten stattfinden, bevor die Vermietung starten kann. Wierlemann und Lehmann schränken ein, dass es »noch keine Planungssicherheit gibt«. Zudem stehen auf dem Gelände des alten Sägewerkes erhebliche Sanierungsarbeiten an. Über die Jahrzehnte sind beim Betrieb der Anlage wohl unbekannte Mengen mineralischer Schmieröle in den Boden gesickert. Diese Bodensanierung wird nicht billig.

Was das Projekt derzeit aber ausbremst, ist der Umstand, dass die meisten Einwohner von den Plänen nicht viel halten. Tiefe Gräben zeigten sich in den Info-Veranstaltungen. Das deutet Ortsvorsteher Bernd Reiß an: »Das Dorf steht der Sache sehr skeptisch gegenüber.« Er ist überzeugt, dass er hier für eine Mehrheit spricht.

Dies hat dazu geführt, dass die Projektentwickler Menschen überzeugen wollen, die in der Regel gänzlich andere Sicht- und Lebensweisen vertreten. Die finden, dass sich im Dorf gar nicht so viel ändern muss, die das vorliegende Konzept zu »alternativ« finden und vor allem den Akteuren nicht zutrauen, es zu stemmen. Dazu kommt, dass die Wohnadresse der Projektinitiatoren im Dorf keinen guten Ruf genießt. Deren etwas andere Einstellung zu Leben und Wohnen stößt sich mit klassisch »dörflichen Pflichten« wie Straße kehren oder den Rinnstein säubern. Auch seien die beiden Projektierer bei sonstigen Dorfaktivitäten bisher nicht gesichtet worden, kritisiert Reiß. Die Projektentwickler wiederum ärgern sich, dass die Deckenbacher durch ihre Ablehnung möglicherweise eine große Chance vertun. »Wenn die Dorfgemeinschaft kein Interesse am Projekt hat, überlegen wir trotzdem zu kaufen,« sagt Lehmann. »Was dann mit dem Gelände geschieht, das wissen wir noch nicht.« Man werde jedenfalls weiter um Investoren werben, auch in der weiteren Umgebung des Ortes. Wierlemann hofft, dass es mehr Zuspruch gibt, »wenn alles greifbarer wird«. Man könne mit einfachen Dingen wie einem Lager anfangen. Er selbst betreibt in Marburg einen Laden für Secondware und benötigt Platz, wie er sagt.

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