11. Oktober 2019, 12:20 Uhr

Gewerbegebiet

Mücke hofft auf Einnahmen und Arbeitsplätze durch Nordfrost

Die Gemeinde Mücke hat mit dem Kühllogistiker Nordfrost einen Großen der Branche an Land gezogen. Deutlich über fünf Millionen Euro investiert die Gemeinde in die Ansiedlung. Lohnt sich das?
11. Oktober 2019, 12:20 Uhr

Machen sich die rund 5,7 Millionen Euro bezahlt, die die Gemeinde Mücke für die Ansiedlung der Firma Nordfrost im Industriegebiet Gottesrain bei Atzenhain ausgibt? »Die Antwort ist komplex und erläuterungsbedürftig«, sagt Bürgermeister Andreas Sommer. Der Trinkwasserbrunnen, das Regenüberlaufbecken und eine Druckerhöhungsanlage wären auch ohne Nordfrost nötig geworden.

Sommer geht davon aus, dass sich die hohen Ausgaben der Gemeinde »in sieben bis acht Jahren amortisieren«. Bauamtsleiter Thomas Heidlas sieht einen Vorteil: »Wir hoffen auf 150 bis 180 Arbeitsplätze«. Das Unternehmen selbst sagt trotz mehrfacher Anfragen nichts dazu.

Der frühere Bürgermeister Matthias Weitzel, in dessen Amtszeit die Ansiedlung noch fiel, äußerte gegenüber dieser Zeitung, er habe sich in der Sache nichts vorzuwerfen, man habe auf der Basis der damals geltenden Gewerbegrundstückspreise gehandelt. Alle Entscheidungen seien nach »bestem Wissen und Gewissen« getroffen worden und die hohen Baukostensteigerungen habe Ende 2016 keiner ahnen können.

Hintergrund: In den vergangenen Monaten ist mehrfach Kritik an den Ausgaben für die Ansiedlung laut geworden. Kommunalpolitiker sagten, sie hätten erst im Nachhinein von Kosten erfahren. Zudem sei der Kaufvertrag viel zu hastig unterzeichnet worden. So wurde der Quadratmeter Gewerbefläche für die bis dato in Mücke üblichen 25 Euro pro Quadratmeter verkauft. In vergleichbaren Gewerbegebieten etwa im Kreis Gießen werden solche Flächen schon längst zum Preis von mindestens 45 Euro pro Quadratmeter gehandelt. Beim Kauf der Grundstücke ist die Gemeinde teilweise in Vorlage getreten, die Hälfte der rund 130 000 Quadratmeter großen Fläche wurde erst gekauft, als Nordfrost fest zugesagt hatte. Verkauft wurde das Areal (13 Hektar) für rund 3,2 Millionen Euro. 700 000 Euro werden für einen neuen Brunnen in Atzenhain ausgegeben. Er wurde auch nötig, weil die Förderleistung von sieben Litern pro Sekunde auf 5,5 Liter/Sekunde gesunken ist. »Wenn der Brunnen weiter nachgelassen hätte, wäre es für den aktuellen Bestand zu wenig gewesen«, sagt Heidlas. Immerhin hängen neben dem Ort Atzenhain mehrere Industriebetriebe an der Leitung. »Für die Versorgungssicherheit sind wir bestrebt, zwei Brunnen pro Ort zu haben«, erläutert Sommer. Deshalb sei der Brunnen Atzenhain II mit einer Leistung von zehn Liter/Sekunde sinnvoll.

Auch das Regenüberlaufbecken musste für 500 000 Euro ausgebaut werden. Das bisherige Becken stammt aus den 1990er Jahren, als man überschüssiges Wasser einfach in einen Bachlauf fließen ließ. Inzwischen muss das Wasser vorher gefiltert werden. »Das sind Riesenbauwerke, die man in die vorhandenen Becken einbauen muss«, erklärt Heidlas. Erst dann gibt es eine Einleiteerlaubnis. Schon ohne Nordfrost wäre eine Investition von rund 350 000 Euro nötig geworden.

Auf rund 70 000 Euro beziffert Heidlas die Kosten für die Druckerhöhungsanlage für Trinkwasser. »Der Wasserdruck am Hochbehälter ist nicht ausreichend, die alten Pumpen haben ihre normale Lebensdauer bereits überschritten.« Ein Vorteil seien die niedrigeren Betriebskosten der Aggregate.

Ein Kostenfaktor, den Sommer gerne bei der Firma Nordfrost gesehen hätte, sind die Ausgleichsmaßnahmen. Dafür muss die Gemeinde rund 500 000 Euro aufbringen, so teuer kommt der Eingriff in die Landschaft. Dafür werden unter anderem in der Ohm Wehre zurückgebaut. Nahe der Kläranlage Nieder-Ohmen sind weitere gewässerökologische Maßnahmen geplant.

Den hohen Ausgaben stehe auch etwas gegenüber. Gespart habe die Gemeinde bei den inneren Erschließungskosten. Denn es hätte fünf bis sieben Millionen Euro gekostet, dort Straßen und Versorgungsleitungen zu bauen, wenn man mehrere kleinere Unternehmen auf der großen Fläche angesiedelt hätte. Die Gemeinde sorgt jetzt für die äußere Erschließung, Nordfrost für die im Innenbereich. Auf Kosten des Unternehmens geht die neue Gasleitung, die von Grünberg her gelegt wurde. Davon profitierten auch andere Unternehmen im Industriegebiet Gottesrain, sagt Sommer. Nordfrost will für die Kühllager mit Kraft-Wärme-Kopplung Energie erzeugen.

Eine Neuerung wird es auf der Landstraße geben. Um den Mitarbeitern von Nordfrost einen sicheren Weg zum gegenüber liegenden Schnellrestaurant/Autohof zu bieten, wird eine Verkehrsinsel als Querungshilfe errichtet. Sommer geht momentan davon aus, dass die Investitionen der Kommunen innerhalb von acht Jahren wieder eingespielt werden. Pro Jahr seien etwa 360 000 Euro von Nordfrost zu erwarten. Die stammen aus Wasserverkauf, Abwassergebühren sowie aus Grund- und Gewerbesteuer.

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