11. November 2019, 21:16 Uhr

Die schwerste Entscheidung

11. November 2019, 21:16 Uhr
Jack Justus ist aus den Niederlanden zur Gedenkfeier gekommen und erzählt vom Schicksal seiner Familie. (Foto: sf)

111 Jahre wäre sein Vater in diesem Jahr alt geworden. 1908 wurde Hermann, genannt Herbert, Justus in Nieder-Ohmen geboren, sein Vater Juda starb, als der Knabe 15 war. Juda Justus war seit der Rückkehr aus dem Ersten Weltkrieg, in dem er als Soldat gekämpft hatte, immer krank und starb an einer Lungenentzündung. Nun war sein Enkel Jack mit seiner Schwester aus den Niederlanden zur Gedenkfeier am jüdischen Friedhof nach Nieder-Ohmen gekommen.

Rund 60 Menschen hatten sich am Abend des 9. November versammelt, um der Nieder-Ohmener Opfer des Holocaust und aller Opfer von Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus zu gedenken. Justus berichtete, dass sein Vater schon 1933 auswanderte.

Ein Jahr später schickte die Großmutter auch Jacks Schwester Hedwig, 16 Jahre alt, nach Holland. »Mein Vater und meine Großmutter hatten das, was kommen sollte, sehr gut eingeschätzt«, erinnert sich Jack Justus. Ab 1939, als die antijüdischen Maßnahmen der Nazis immer strenger wurden, kam auch Mutter Klara nach Holland.

Den anderen sehen

Jacks Onkel Julius, dessen Frau Alma, Sohn Henry und die Tante Ruth flohen in die Vereinigten Staaten, der Onkel Ludwig nach Brasilien. Tante Bertha, ihr Mann sowie drei kleine Kinder seien aus Naivität leider in Deutschland geblieben, sie wurden später in Minsk beziehungsweise in Theresienstadt ermordet. Die Namen sind heute auf Stolpersteinen zu lesen, die vor dem ehemaligen Wohnhaus der Familie verlegt wurden. Uwe Langohr, Irmgard Gückel und Pfarrer Nils Schellhaas hatten die Gedenkveranstaltung vorbereitet.

Pfarrer Schellhaas berichtete, dass die Konfirmanden regelmäßig jüdische Stätten in Nieder-Ohmen besuchen. Konfirmanden verlasen während des Gedenkens die Namen der ehemaligen jüdischen Einwohner und entzündeten sechs Kerzen zum Gedenken an die sechs Millionen Opfer des Holocaust. Jack Justus erinnerte daran, vor welch schweren Entscheidungen die Juden ab 1942 standen. Daraufhin sei beschlossen worden, dass sein Vater und Tante Hedy versuchen würden, in die Schweiz zu fliehen. »Das hieß, sie mussten ihre Mutter in Amsterdam lassen, weil sie zu alt war, um mit ihren Kindern zu fliehen. Das Schreckliche war, dass sie wussten, dass ihre Mutter keine Zukunft mehr hatte und dass sie in irgendeinem Lager ermordet werden würde. Können Sie sich diese Entscheidung vorstellen?«

Am Ende des Krieges waren viele Verwandte ermordet worden, darüber hinaus viele Freunde aus Deutschland und aus den Niederlanden. Die persönlichen Ausführungen, die Justus im Beisein seiner Schwester vortrug, bewegten die Anwesenden sehr. Bürgermeister Andreas Sommer und Pfarrer Nils Schellhaas hoben die Verantwortung der heutigen Gesellschaft im Land hervor, angesichts der aktuellen Entwicklungen couragiert gegen Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus anzugehen.

In einer Zeit, in der politische Extreme an Bedeutung gewinnen, sei es wichtig, dass Menschen in Dialog treten, damit eine sich immer weiter spaltende Gesellschaft wieder zusammenfinden könne. »Den anderen sehen, der mir begegnet«, das sei unverzichtbar. Die Ausrichtung der Gedenkveranstaltung wurde von Mitgliedern der Feuerwehr unterstützt und musikalisch von der Gesangvereinigung »Mücker Stimmen« gestaltet. Zu Beginn und am Ende erklangen jüdische Lieder.

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