16. Dezember 2019, 07:00 Uhr

Wissenschaftlerin

Im Kuhstall von morgen wird Methangas gesammelt

Ställe in Form von Gewächshäusern, mehr Kontakt mit dem Verbraucher und längere Lebensdauer der Kühe - so kann die Zukunft für Milchviehhalter aussehen.
16. Dezember 2019, 07:00 Uhr
Rinder können künftig in geschlossenen Ställen gehalten werden, um Methangas abzufangen, und Kühe sollen länger leben, wie Wissenschaftlerin Anke Römer sagt. FOTO: PAD

Sieht so die Zukunft der Vogelsberger Milchkühe aus? Ein Stall im Stil eines Gewächshauses mit einer durchsichtigen Kuppel, viel Platz für die Kühe und einem Besuchsbereich für Städter, die wissen wollen, wo ihre Frühstücksmilch herkommt. Solche geschlossenen Laufställe sind in Planung. der erste soll in Brandenburg entstehen, wie Anke Römer vom Forschungsinstitut Dummerstorf sagt.

Bei einer Tagung zum Thema sprach die Agrarwissenschaftlerin in Alsfeld über neue Konzepte in der Milchviehhaltung. Ein Vorschlag ist der rundum geschlossene Stall, der mit Blick auf den Klimaschutz das Entweichen von Methangas vermindern soll. Auch soll das neue Stallkonzept der zunehmenden Entfremdung der Verbraucher von der Landwirtschaft entgegen wirken. Denn auf Druck der Gesellschaft fordere die Politik Dinge, »die unmöglich umzusetzen sind«.

Ein Beispiel ist der Ausstoß des klimaschädlichen Methangases von Rindern. So seien die Methangas-Rülpser der Kühe ein Zeichen von guter Verdauung, »das kann man nicht verhindern«, betont Römer.

Gut 300 Besucher waren zur Veranstaltung in der Hessenhalle Alsfeld gekommen, die Rudi Paul vom Zuchtverband Qnetics moderierte. Es gab praktische Tipps zur Fütterung von Kühen, zu Vorbeugung von Krankheiten und über neue Technologien im Stall. Anregend waren die Zukunftskonzepte für Rinderhalter von PD Dr. Anke Römer, die in einer Projektgruppe von Wissenschaftlern, Politikern und Landwirten über die Landwirtschaft von morgen nachdenkt. Ein großes Thema der modernen Milchviehhaltung ist das Tierwohl, das in der Öffentlichkeit heftig debattiert wird. Allerdings hätten die meisten Menschen wenig Ahnung, wie Kühe gehalten werden. Eine Versuchsanlage zeigt, »dass sich die Tiere im Stall wohlfühlen«. Dabei hatten die Kühe die freie Wahl zwischen Laufstall und dem Gang auf die Weide. »Es zeigt sich, dass sie vor allem in der Nacht herausgegangen sind, weil es dann draußen kühler war als im Stall.«

Römer plädiert allerdings für einige Änderungen in der Kuhhaltung, denn das Ziel der Landwirtschaft bleibe es ja, die Bevölkerung zu ernähren. Dabei stellte sie fest, dass sich die Zuchtziele in den vergangenen Jahren verschoben haben. Seit 1997 werde immer mehr auf Gesundheitsmerkmale hin gezüchtet, die Milchleistung sei weniger wichtig geworden. Sie wirbt dafür, bei der Zucht stärker auf die genetische Veranlagung auf der Kuhseite und nicht nur bei den Bullen zu achten. Gesünder sind Tiere, die mehr Fleisch auf den Rippen haben, weil sie weniger anfällig für Stoffwechselkrankheiten sind.

In der laufenden Klimadebatte wird eine Verringerung des Ausstoßes von Methangas gefordert. Doch Methan entsteht bei der Verdauung im Pansen und sei Zeichen einer gesunden Tierernährung. Deshalb setze die Politik auf geschlossene Stallungen, um das Methan abzufangen, bevor es in die Atmosphäre gelangt. Der »Null-Emissionsstall« sieht aus wie ein großes Gewächshaus, in dem das Methangas aufgefangen wird.

»Die Luftfahrtindustrie will das zu guten Preisen kaufen«, freut sich die Wissenschaftlerin. Die lichten Ställe könnten auch Besuchsbereiche aufweisen, als Ausflugsziel für Städter. Dabei wirbt sie eindringlich für einen Stall, der am Futtertisch so viel Platz bietet, »so dass jede Kuh jederzeit an genug Futter kommt«. Der Trend in der Haltung geht für Römer hin zu langlebigen Kühen. Zur Zeit liegt die »Nutzungsdauer« der Tiere durchschnittlich bei nur 5,4 Jahren, es sei aber besser, die Kühe länger leben zu lassen. Die Wissenschaftlerin führt dafür ethische Gründe an, zudem bedeute eine längere »Nutzungsdauer« einen höheren Gewinn für den Halter.

Ein Hindernis ist die Nachzucht, bei 100 Kühen hat ein Betrieb pro Jahr etwa 38 weibliche Tiere, die in die Herde drängen. Sie plädiert für größere Abstände zwischen den Besamungen. Bislang bekommen Kühe einmal jährlich Nachwuchs, besser seien drei Kälber in fünf Jahren. Dadurch könnten die Kühe länger gemolken werden, die Milchmenge steigt etwas. Zudem lebt das Tier gesünder, denn nach einer Geburt ist eine Kuh anfälliger für Krankheiten. Noch ein Tipp aus der Forschung: Kälber sollten so viel trinken, wie sie wollen, um gesund aufzuwachsen. Landwirte sollten darauf achten, dass die Tiere langsam trinken, das sei gesünder.

Um stets auf der Höhe der Entwicklung zu sein, sollten Milchviehhalter Weiterbildungen besuchen. Dabei gehe es auch um Fragen wie neue Technologien, um die Futteraufnahme individuell messen. Wichtig ist für Römer auch eine hohe Motivation. »Wer Tiere nicht mag, der ist falsch in diesem Beruf«, das sei auch positiv im Kontakt zum Verbraucher. »Zukunft geht nur miteinander.«

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