01. Januar 2020, 19:57 Uhr

Mit Handy nahe am Patienten

Der Vogelsbergkreis geht in der Telemedizin neue Wege: Notärzte müssen nicht zwingend zum Patienten mitfahren, sie können sich die Daten eines Kranken auch über Handy sowie auf ein Laptop übermitteln lassen und Behandlungen veranlassen. Zwei Rettungswagen sind mit neuer Technik ausgestattet. Bewährt sich diese Art der Telemedizin, könnte sie auf ganz Hessen übertragen werden.
01. Januar 2020, 19:57 Uhr
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Aus der Redaktion
Im Beisein von Rainer Ruppert (r.), Betriebsleiter des DRK Rettungsdienstes Mittelhessen, probiert Landrat Manfred Görig das telemedizinische Gerät gleich einmal aus.

Jederzeit ärztlich betreut werden Rettungsdienst-Patienten im Vogelsbergkreis - sogar dann, wenn der Notarzt selbst gar nicht mit im Rettungswagen ist. Mit Handy und Laptop ausgerüstet kann der nämlich auch aus der Ferne so agieren, als stünde er direkt neben dem Patienten im Rettungstransportwagen (RTW). So stellt sich die moderne Telemedizin dar. Mit dieser neuen Technik »geht der Vogelsbergkreis einmal mehr neue Wege und wenn das Projekt erfolgreich verläuft, könnte es auf ganz Hessen ausgedehnt werden«, betont Landrat Manfred Görig bei der Vorstellung des telemedizinischen Gerätes im Rettungswagen. »Die neue Technik unterstützt unser Rettungsdienstpersonal und auch unsere Notärzte in ihrer täglichen verantwortungsvollen Tätigkeit und bietet damit unseren Patienten ein höheres Maß an Sicherheit«, unterstreicht Manfred Görig im Beisein Dr. Erich Wranze-Bielefeld, dem Ärztlichen Leiter des Rettungsdienstes.

Telemedizin im Rettungsdienst gibt es in Deutschland schon seit mehreren Jahren - und zwar das sogenannte »Aachener Projekt«. Das aber ist, so informiert Dr. Wranze-Bielefeld, sehr aufwendig, weil rund um die Uhr ein Arzt in der Leitstelle sein muss, der bis zu drei Einsätze gleichzeitig betreut.

Beim Vogelsberger Projekt läuft es anders: Dabei arbeitet der Notarzt im Hintergrund, wird nur im Bedarfsfall vom Rettungswagen aus angefragt. Das ist eine Arbeitsweise, deren Vorläufer sich bereits seit 14 Jahren bewährt hatte - und zwar bei der Gabe von Schmerzmitteln. Diese Medikation ließen sich die Rettungskräfte vor Ort ebenfalls von einem Arzt telefonisch freigeben.

»Die Struktur dieses Hintergrunddienstes hatten wir also schon, jetzt mussten wir nur noch einen Weg finden, die Daten zu übermitteln«, berichtet Erich Wranze-Bielefeld. Der entsprechende Anbieter war schnell gefunden, im Grunde war nur eine Weiterentwicklung des bisherigen EKG-Gerätes nötig, damit alle Überwachungsfunktionen wie beispielsweise die Herz- und Atemfrequenz des Patienten, die Temperatur oder der Sauerstoffgehalt im Blut nicht nur den Helfern im Wagen, sondern eben auch dem Telenotarzt im Hintergrund angezeigt werden. Auf dem Bildschirm seines Laptops sind alle Funktions-Kurven sichtbar, der Mediziner kann die relevanten Daten auslesen sowie bewerten und somit dem Rettungsdienstpersonal und gegebenenfalls auch dem Notarzt die benötigten Hilfen geben. Er kann bei der Diagnosefindung helfen, er kann erste Therapieschritte einleiten und auch darüber befinden, ob ein Notarzt vor Ort gebraucht wird.

»Damit sind wir im Grunde bei der Fragestellung des Projektes: Können wir mit Hilfe der Telemedizin unnötige Notarzteinsätze künftig reduzieren?«, erklärt Wranze-Bielefeld. Denn: Viel zu oft werde nach dem Notarzt gerufen, vor Ort stelle sich dann heraus, dass er tatsächlich nicht benötigt wird. »Wir müssen dafür sorgen, dass solch unnötige Notarzt-Fahrten vermieden werden, damit die Notärzte für die tatsächlichen Notfälle zur Verfügung stehen«, sagt Wranze-Bielefeld.

Genauso gesehen wird das übrigens in den Nachbarkreisen Marburg-Biedenkopf und Gießen. Mit beiden hat der Vogelsbergkreis eine Kooperationsvereinbarung zur Umsetzung des Projektes »Telemedizin im Rettungsdienst Mittelhessen« geschlossen. Angelegt ist das vom hessischen Sozialministerium finanzierte Projekt auf drei Jahre. Derzeit werden zwei Rettungswagen im Vogelsbergkreis mit telemedizinischen Überwachungsgeräten ausgestatten. Weitere werden folgen.

»In zwei Landkreisen in Hessen läuft das Aachener Modell, wir haben nun im Verbund unser Projekt gestartet, irgendwann wird das Land entscheiden müssen, welche Variante hessenweit zum Tragen kommt«, stellt der Ärztliche Leiter des Rettungsdienstes in Aussicht. Sowohl Wranze-Bielefeld als auch Landrat Manfred Görig sehen für das Gemeinschaftsprojekt Mittelhessen gute Chancen. »Wir sind um ein Vielfaches günstiger«, erklärt Landrat Görig. Von daher könnte das Vogelsberger Modell nach Ablauf der Testphase möglicherweise auf ganz Hessen ausgedehnt werden.

»Auch dieses Beispiel zeigt, dass der Vogelsberg in der rettungsdienstlichen Versorgung seiner Bevölkerung ganz weit vorn ist«, betont Landrat Görig. »Wir haben in den vergangenen Jahren große Anstrengungen unternommen, um den Rettungsdienst zu optimieren, und in diesem Bemühen werden wir auch künftig nicht nachlassen«, kündigt er an.



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