22. März 2020, 20:36 Uhr

Wenn das Büchertaxi kommt

Lieferdienst mit dem Bücher- oder Mode-Taxi und Trennscheibe für Gespräche in der Bank. Geschäfte und Banken suchen kreative Lösungen für die aktuelle Kontaktsperre zum Schutz vor Corona-Infektionen. Ziel ist es, direkte Kontakte der Menschen untereinander zu minimieren.
22. März 2020, 20:36 Uhr
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Von Joachim Legatis
Buchhändlerin Ulrike Sowa setzt nun auf telefonische Bestellung und Auslieferung per Kurier. FOTO: JOL

Wenn es morgens in den Dörfern um Homberg klingelt, muss es nicht der Postmann sein, sondern es kann auch der Bücherbote vor der Türe stehen. In Zeiten der Corona-Krise versucht die Homberger Buchhandlung mit Direktlieferung mit der Hauslektüre im Geschäft zu bleiben. Bei Buchhändlerin Ulrike Sowa klingelte am Mittwoch ohne Unterlass das Telefon, erreichbar ist sie auch per E-Mail und Messenger. Viele Bücherfreunde ordern oder Anruf oder Kurznachricht, auch Beratung zu der Wunschlektüre lässt sich so abwickeln.

»Als kleine Einzelhändler müssen wir mit gutem Service punkten«, deshalb hat Sowa den schon bisher üblichen Lieferdienst ausgeweitet. Der Kurierfahrer der örtlichen Apotheke wechselt sich mit Ehemann Michael Sowa ab.

Dabei ist Hygiene oberstes Gebot: Die bestellte Lektüre kommt in eine Plastiktüte, dazu die Rechnung. Der Fahrer liefert im Umkreis von etwa 15 Kilometern aus. »Er hängt die Tüte an die Tür, klingelt und ist schon einige Meter weg, wenn geöffnet wird«, erläutert Ulrike Sowa. Bezahlt wird per Rechnung, dabei ist von Vorteil, dass die Buchhandlung eine gut gepflegte Kundenkartei mit mehreren hundert Namen hat. Dadurch kann auf die Übergabe von Bargeld verzichtet werden, was das Ansteckungsrisiko minimiert.

Kontaktlos können Kunden auch vor Ort einkaufen. Dann legt Sowa die Tüte mit der vereinbarten Lektüre und der Rechnung vor die Ladentür, bleibt aber auf Distanz im Innern. »Es kostet bis 50 000 Euro Strafe, wenn ich die Leute in den Laden hineinlasse«, sagt sie. Ihr ist wichtig, dass den Geschäften in der Innenstadt die Kunden erhalten bleiben.

Das treibt viele um, wie Katja Wilhelm, Verkäuferin im benachbarten Schreibwaren Repp, erfahren hat. »Viele haben Sorge, dass noch mehr Geschäfte in der Kernstadt schließen«, so präsent ist noch das Aus für Metzger und Blumenladen. Das Schließen vieler Einzelhandelsgeschäfte und Gaststätten wegen Corona hat aber schon jetzt gravierende Folgen. Auch mit einem Lieferservice, wie ihn die Buchhandlung und das Modehaus Metz anbieten, haben die Eigentümer mit deutlich niedrigeren Einnahmen zu rechnen.

Die wirtschaftlichen Folgen will Ulrike Sowa mit einem Kredit der staatlichen KfW abfangen. Zudem sollen die beiden Angestellten Kurzarbeitergeld erhalten, »dafür muss ich einen von der Arbeits-Agentur geschickten 25-seitigen Antrag ausfüllen«. Immerhin muss sie wohl das Geschäft über Wochen hinweg geschlossen halten.

Schmerzlich ist die Verschiebung von Lesungen, die Werbung für Autoren und die Buchhandlung darstellen. Die beiden nächsten Veranstaltungen sind bereits verschoben, zwei weitere stehen etwas später im Jahr an. Ohne Werbung für neue Bücher haben es auch die Autoren schwer, bedauert Sowa.

In der Homberger Geschäftsstelle der VR Bank HessenLand in der Frankfurter Straße sitzen Mitarbeiter hinter einer Glasscheibe. Damit will man den Anforderungen des Gesundheitsschutzes gerecht werden, wie Vorstand Werner Braun erläutert. Banken gehören zu den Geschäften, die weiterhin geöffnet bleiben. Aber der Schutz von Mitarbeitern wie auch der Kunden hat für die Bänker hohe Priorität.

Deshalb hat das Finanzunternehmen in acht größeren Geschäftsstellen wieder Trennscheiben eingeführt. In kleineren Geschäftsstellen setzt die VR Bank auf Selbstbedienung an Geldautomat und Auszugsdrucker. Kunden werden gebeten, Beratungen über Telefon oder VR@home in Anspruch zu nehmen.

Die Mitarbeiter arbeiten zum Teil von zu Hause aus, andere in ehemals genutzten Räumen in Romrod. »Wir ziehen unsere Belegschaft so weit auseinander, wie es nur geht«, sagt Braun.

In der Tankstelle in Alsfeld und den Baumärkten von Raiffeisen Waren halten sich die Mitarbeiter an die Empfehlungen der Experten. Besonders wird auf eine gewisse Distanz geachtet, um sich nicht doch noch anzustecken. Mitarbeiter mit Kindern haben noch ein zusätzliches Problem. In diesen Fällen versucht die Bank, möglichst praktikable Lösungen zu finden. Sei es durch flexiblere Arbeitszeiten, sei es durch freie Tage. »Wir versuchen, einen Weg zu finden«, versichert Braun.

Förderdatenbank

Der Gewerbeverein Homberg weist besonders auf Hilfsangebote für Unternehmer und Geschäftsinhaber hin. Zusammengestellt hat er die Information des Vogelsbergkreis, weitergegeben von Bürgermeisterin Claudia Blum. So wird der Zugang zum Kurzarbeitergeld vereinfacht, es gibt Sonderkredite der staatlichen KfW-Bank, damit Unternehmen zahlungsfähig bleiben. Hinzu kommen steuerliche Maßnahmen. Das Bundeswirtschaftsministerium hat die Förderdatenbank dafür aktualisiert.



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