08. April 2020, 07:15 Uhr

Corona-Pandemie

Corona-Krise trifft alte Pferde auf Gnadenhof

An manche Leidtragenden der Corona-Krise denkt man nicht sofort. So sind zum Beispiel alte Pferde und Fundtiere betroffen, die in Hilfseinrichtungen versorgt werden.
08. April 2020, 07:15 Uhr
Auf dem Gnadenhof von Simone Achenbach in Köddingen leben 13 kranke und alte Pferde, darunter einige Kaltblüter. FOTOS: JOL

Auf ihre Füße sollten Besucher der »Last Resort Ranch« im Feldataler Ortsteil Köddingen aufpassen. Dort leben 13 alte und kranke Pferde, darunter sind mehrere Kaltblüter von jeweils fast einer Tonne Gewicht. »Das sind Mini-Elefanten und keine Gazellen«, meint Hofleiterin Simone Achenbach trocken. Die zutraulichen Vierbeiner achten nicht darauf, wohin sie ihre Hufe setzen. Die Tiere haben früher Kutschen gezogen, oder sie lebten als angehende Schlachttiere halbwild auf einer Weide in Frankreich. Nun können sie ihren Lebensabend auf dem Gnadenhof verbringen. Finanziert wird der Hof normalerweise von drei Pferdefreunden. Doch wegen der Kurzarbeit durch die Corona-Krise fallen die beiden Mit- finanziers aus. Noch eine Folge von Corona: Weil Pferdebesitzer Heu hamstern, ist der Markt fast leer gefegt.

Die Corona-Maßnahmen haben gravierende Folgen für die Wirtschaft, wie auch die Alsfelder Allgemeine Zeitung mehrfach berichtete. Doch auch soziale Einrichtungen wie der Gnadenhof und das Tierheim in Alsfeld leiden.

Das Tierheim hat Besuche und Vermittlung extrem eingeschränkt, um das Kontakt- und Versammlungsverbot einzuhalten. So berichtet Marina Weber vom Tierschutzverein über die Regeln bei Besuchen. Es müssen sich alle am Eingang melden, eine Mitarbeiterin kommt dann nach draußen. Die etwa 30 »Gassigeher« werden einzeln eingeteilt. Besucher, die ein Tier vermittelt haben möchten, bekommen Einzeltermine für Besuche, damit der Kontakt zwischen den Menschen eingeschränkt ist.

Einige der 13 Tierheim-Mitarbeiter arbeiten nun von zu Hause aus. Die monatlichen Fixkosten für den Betrieb der weitläufigen Anlage belaufen sich auf rund 20 000 Euro, berichtet Marina Weber. Zwar gibt es derzeit mehr Anfragen nach Tieren, weil die Menschen mehr Zeit zu Hause verbringen. »Doch da müssen wir sehr aufpassen, ob die Menschen auch dann noch genug Zeit für das Tier haben, wenn der Job wieder voll anfängt«, sagt Weber. Einen Hund kann man nicht acht Stunden allein zu Hause lassen.

Die Schwierigkeiten durch die Corona-Krise sind für den Gnadenhof in Köddingen anders gelagert, erzählt Simone Achenbach. Auf dem Gelände leben 21 Tiere, darunter sind 13 Pferde, aber keines davon kann geritten werden, berichtet die ehemalige Dressurreiterin. »Wir bekommen die Tiere, die von anderen Vereinen abgelehnt werden, weil sie zu alt oder zu krank sind.«

Kein Hof-Flohmarkt

So kam eine Reitstute verletzt und so verstört von einem Stall zurück, dass sie zwei Jahre brauchte, um wieder Vertrauen zu Menschen zu fassen. Einige der zutraulichen Tiere sind Kaltblüter, die bis zu einer Tonne wiegen, ein Reitpferd bis 600 Kilogramm. Sie werden ungern als Pensionspferde gehalten, weil ihr Unterhalt teurer ist. Eine der Stuten ist 36 Jahre alt, eine andere 34, ein hohes Alter für ein Pferd, sagt Achenbach, die schon ihr ganzes Leben Umgang mit den Vierbeinern hat.

Drei der Pferde haben chronische Hufkrankheiten und dürfen nicht auf die Weide. Für sie gibt es Auslaufmöglichkeiten am Haus. Der Gnadenhof wird als private Initiative von drei Personen getragen, die sich die Kosten von rund 1500 Euro pro Monat teilen. Nun muss Achenbach alleine klarkommen, weil ihre Gnadenhof-Partner Lohneinbußen durch die Kurzarbeit hinnehmen müssen. Die Hof-Flohmärkte und der Tag des offenen Hofes, die regelmäßig einiges an Spenden einbrachten, mussten abgesagt werden.

Noch ein weiteres Problem ist derzeit die Knappheit an Heu als Futter für die Tiere. Bis Ende August brauchen die Pferde rund 30 Rundballen Heu, denn drei kranke Pferde dürfen kein Gras fressen. »Heu ist das neue Toilettenpapier«, macht Achenbach einen Scherz.

Denn einige Pferdebesitzer in Nordrhein-Westfalen haben Lkw-weise Rundballen geordert, weil sie fürchten, später nichts mehr zu bekommen. Achenbach hofft nun darauf, irgendwie doch noch an Futter zu kommen.

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