01. Mai 2020, 19:51 Uhr

»Kredite sind kein Allheilmittel«

01. Mai 2020, 19:51 Uhr
Die Mitglieder der IHK tagen digital und setzen auf Videokonferenz statt Vollversammlung. FOTO: PM.

»Die Einhaltung der Abstands- und Hygienemaßnahmen auf größeren Flächen sind leichter umsetzbar«, sagt Rainer Schwarz, Präsident der IHK Gießen-Friedberg. Die IHK setzt sich dafür ein, die starre 800-m²-Regel für die Begrenzung der Verkaufsfläche im Einzelhandel zugunsten einer auf die Gesamtfläche bezogenen Begrenzung der Kunden zu ändern. Der Einzelhandel ist gegenwärtig eingeschränkt und nur unter Einhaltung diverser Vorgaben erlaubt. Dazu gehören Hygienevorgaben und die räumliche Verkleinerung größerer Handelsgeschäfte auf maximal 800 m². Größere Geschäfte können öffnen, wenn sie einen Teil ihrer Fläche abtrennen und so die Verkaufsfläche auf 800 m² oder weniger reduzieren.

Das sieht auch Frank Sommerlad vom Möbelhaus Sommerlad so: »Die erforderlichen Abstände könnten umso besser eingehalten werden, je mehr Fläche zur Verfügung steht«. Auch ein Höchstwert an Kunden pro Geschäft sei denkbar. Durch diese Regel könne das gesamte Sortiment den Kunden zur Verfügung gestellt und gleichzeitig ausreichend Abstand sichergestellt werden. Bei größeren Verkaufsflächen könnten Hygiene- und Abstandsregelungen leichter eingehalten werden. Eine Beschränkung, welche sich an der Kennzahl »Kunden pro Quadratmeter Verkaufsfläche« richtet, könne mehr Nutzen stiften als eine reine Verkaufsflächenbegrenzung.

Unternehmen eine Perspektive geben

»Bei der IHK herrscht Hochbetrieb«. Mit diesen Worten begrüßte Rainer Schwarz, Präsident der IHK Gießen-Friedberg, 15 Unternehmer in digitaler Runde: »Wir müssen den Dialog aufnehmen, Perspektiven aufbauen und Horizonte vermitteln«, sagte er in der Begrüßung. Statt der turnusgemäßen Vollversammlungssitzung informierte die IHK in einer Videokonferenz und startete eine Diskussion zur Corona-Krise: »Wir müssen die Argumente der Unternehmen in die Politik tragen und dürfen nicht in eine Depression verfallen, sondern die Politik muss eine Wegweisung geben«.Zunächst berichtete Matthias Leder, IHK-Hauptgeschäftsführer, von Gesprächen, die mit Helge Braun, Bundesminister für besondere Aufgaben, Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier oder Hessens Wirtschaftsminister Tarek Al-Wazir stattfanden. »Für unsere Beratung zur Corona-Soforthilfe und zu verschiedenen Kreditprogrammen erhalten wir viel Lob von den Unternehmen, die sich in teilweise schlimmen Situationen befinden«, erklärte Leder.

Schwarz bestätigte: »Die Kreditprogramme laufen zu kurz, die Soforthilfe ist zu bürokratisch aufgebaut und scheitert oft allein an der Definition des Begriffs Liquiditätsengpass«. Insbesondere die Gastronomie, die Reisebranche, die Veranstaltungswirtschaft und Teile des Einzelhandels, der von den Schließungen betroffen ist, seien fundamental von der Krise betroffen.

IHK-Vizepräsident Rainer Dietz vom Lauterbacher Posthotel Johannesberg sagte, viele Betriebe aus der Gastronomie stünden am Abgrund. Er kritisierte, dass es keine konkreten Hinweise gäbe, wie ein so dringend notwendiger Neustart im Detail aussehen solle. »Wir arbeiten an Konzepten, um die Abstandsregelungen einzuhalten. Das ist häufig in unseren kleinen Gasthäusern und Restaurants aber nicht möglich. Und die Hotellerie fällt vollkommen flach«, sagte Dietz. Daher seien viele Gastronomiebetriebe auf die Soforthilfe angewiesen.

Veranstalter in Existenznot

Rainer Schwarz: »Die Soforthilfe muss versteuert werden. Überdies ist es kein Allheilmittel, immer nur mehr Kredite zu verteilen«. Dürften Unternehmen auf Dauer keine Geschäfte machen, führe das letztlich in die bilanzielle Überschuldung. »Dort, wo längere Zeit behördliche Verbote gelten werden, müssen wir stärker über eigenkapitalähnliche Förderungen und auch über direkte Zuschüsse aus einem staatlichen Fonds nachdenken«, lautet Schwarz’ Fazit.

Matthias Leder stellte nochmals die existenzbedrohenden Probleme der Veranstalter dar. »Wir haben hier in der Region drei wirkliche Marktführer. Kerngesunde Unternehmen. Denen wird derzeit die komplette Grundlage genommen mit der Aussage, dass es bis Ende August 2020 keine Großveranstaltungen geben werde. Dabei sind die Firmen in der Lage, Sicherheitskonzepte für Veranstaltungen unter 1000 Besuchern zu realisieren«, sagte Leder und erinnerte an die aktuelle Absage des Münchener Oktoberfestes: »Auch viele Schausteller können Sicherheit organisieren, doch hier erfolgt mehr oder weniger ein Geschäftsverbot«.

Mark Philippi, Busunternehmer aus Mücke, sagt voraus, dass 2020 keine Busreise mehr stattfindet: »Es werden viele Busunternehmen vom Markt gehen«. Gleichwohl bestätigte er der Politik, »einen guten Job zu machen. Aber Politiker denken nicht wie Unternehmer«. Gleichwohl gab Philippi seinen Unternehmerkollegen Zuversicht mit auf den Weg: »Wir müssen die Lockerungen sehr ernst nehmen, denn Corona ist ein ernstes Problem. Einen zweiten Lockdown darf es nicht geben. Dies würde uns ruinieren«.

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