28. Oktober 2020, 21:44 Uhr

Seit 150 Jahren fährt der Zug

Im Jahre 1870 erhielt Alsfeld seinen Anschluss an das Eisenbahnnetz: Am 29. Juli 1870 rollte der erste Zug in Richtung Gießen, am 29. Oktober standen dann erstmals die Signale für eine Fahrt nach Lauterbach auf Grün.
28. Oktober 2020, 21:44 Uhr
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Von Patrick Dehnhardt

Vor 150 Jahren gab es in Alsfeld großen Grund zur Freude: Die Bahnstrecke nach Lauterbach wurde am 29. Oktober 1870 eröffnet. Damit konnten Reisende nun nicht nur Richtung Gießen, sondern auch gen Osten fahren. Am 31. Dezember wurde ein weiterer Abschnitt bis nach Bad Salzschlirf eröffnet, am 31. Juli 1871 fuhr schließlich der erste Zug bis nach Fulda durch. Damit gab es einen Anschluss an den Weltverkehr.

Jürgen Röhrig, der zusammen mit Stefan Klöppel im neuen Buch »150 Jahre Oberhessische Eisenbahn« (Veröffentlichung im November geplant) die Geschichte der Bahnstrecken Gießen-Alsfeld-Fulda und Gießen-Hungen-Gelnhausen dokumentiert hat, kennt die Hintergründe des Eisenbahnbaus. Nach der Eröffnung der Main-Weserbahn Frankfurt - Kassel 1852 und der Bahnstrecke Deutz-Gießen 1863 wurde darüber diskutiert, wie Oberhessen mittels Eisenbahn erschlossen werden könnte, erklärt er. Im selben Jahr wurde in Gießen ein Eisenbahnkomitee gegründet, welches für eine Bahnverbindung nach Fulda eintrat und erste Pläne ausarbeiten ließ.

Zunächst wurde eine Streckenführung über Lich, Hungen, Ulrichstein und Lauterbach diskutiert. Weil das Land allerdings kein Geld hatte, blieben diese Pläne erst einmal auf Eis liegen.

Beim Streckenbau gespart

Erst 1868 wurde ein Konsortium gefunden, welches in Oberhessen Eisenbahnlinien bauen wollte. Die »Oberhessische Eisenbahngesellschaft« wurde gegründet. Sie schickte am 28. März 1868 die gute Nachricht per Telegramm: Alsfeld wird an das Bahnnetz angeschlossen.

Eine Krux bei der Linienführung: Das Bauunternehmen wollte möglichst Geld sparen. So wurden nach Möglichkeiten Talbrücken und Tunnel vermieden, stattdessen lieber ein paar Schlenker mehr eingeplant. Dadurch lagen die Bahnhöfe teils weitab von den Orten. Auch die verwendeten Schwellen waren aus ungeeignetem Holz, sodass die Hälfte bereits nach fünf Jahren ausgetauscht werden musste.

Alsfeld war nur kurze Zeit Endstation: Am 29. Juli 1870 waren die Gleise nach Grünberg eingeweiht worden, nur drei Monate später war der Sackbahnhof bereits Geschichte. Die 106 Kilometer lange Bahnlinie war schließlich 1871 komplett fertig.

Alsfeld war von Beginn an ein wichtiger Bahnhof: Im November 1870 wurden dort mit 1646 die zweitmeisten Karten verkauft, nur in Gießen mehr Tickets gelöst. Zwischen Juni und September rollte gar ein Schnellzug mit Halt in Bad Salzschlirf, Lauterbach, Alsfeld und Grünberg über die Strecke. Doch auch die vielen Fahrgäste aus Alsfeld konnten nicht ändern, dass die Linie von Beginn an unrentabel war.

1876 wurde die Strecke vom Großherzogtum Hessen übernommen, ging 1897 schließlich in die Preußisch-Hessische Eisenbahngemeinschaft ein.

Reisen mit Tempo 28

Damals ging es noch gemächlich zu: Mit 28 Stundenkilometer waren die Züge im Schnitt unterwegs. »Die Eisenbahn war im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts kein Nahverkehrsmittel nach heutigem Verständnis«, sagt Bahnexperte Röhrig. »Es bestand ein Missverhältnis zwischen den Fahrpreisen und dem Einkommen der Mehrheit der Bevölkerung.« Weil dadurch die Nachfrage geringer war, fuhren auch weniger Züge als heute. »Erst als das Lohnniveau deutlich stieg, lohnte sich das Pendeln per Bahn.«

Nicht nur Menschen, auch Tiere fuhren Zug: Der Bedarfsviehzug brachte an den Tagen vor den Gießener Viehmärkten Kühe und Co. von Alsfeld nach Gießen. Weil dieser jedoch im Sommer erst zur Mittagszeit eintraf, beschwerten sich die Viehhändler, dass die Tiere unter der Mittagshitze litten. Ihre Kritik war erfolgreich: Ab 1904 fuhr der Zug zwei Stunden früher.

Der Zweite Weltkrieg hinterließ Spuren: Am 22. Februar 1945 wurde der Bahnhof Alsfeld bombardiert und der Gleisbereich zwischen Güterbahnhof und dem Übergang Marburger Straße erheblich beschädigt. An diesem Tag hatte ein mit Munition beladener Zug im Bahnhof gestanden. Die 120 Sprengbomben sorgten auch im Bereich der Güterabfertigung für größere Gleisschäden.

1985 rollten zum Hessentag am Abschlusstag Sonderzüge in die Stadt. Ob dies auch 2010 der Fall gewesen wäre? Vom abgesagten Hessentag (die Stadt hatte kein Geld) blieb zumindest ein umgestalteter und modernisierter Bahnhofsvorplatz.



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