07. November 2021, 17:31 Uhr

Berührendes Gotteslob

07. November 2021, 17:31 Uhr
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Aus der Redaktion
Die Musiker nach dem Konzert mit Synagogenmusik. FOTO: PM

Der neunarmige Leuchter unter dem Kreuz zeigte schon an, dass es ein besonderes Konzert in der evangelischen Kirche gibt. Mit stehendem Applaus dankten zum Schluss die Corona-edingt nur 80 Zuhörer für ein wunderbares Konzert mit Synagogenmusik für Orgel, Solist und Chor.

Selten zu erlebende Stücke aus der Zeit, als in den hiesigen Synagogen die Orgel Einzug hielt, brachten Organist Rudolf W. Haidu und das fünfköpfige Gesangsensemble zu Gehör. Beeindruckend die Orgelpassagen zum Lobe Gottes und ganz besonders die Lieder des jüdischen Gottesdienstes, die Kantor Isidoro Abramowicz aus Berlin mit gewaltigem Volumen darbot.

Virtuose Orgelstücke

Im Chor und solistisch sorgten Barbara Buffy, Katharina Flierl, Marcel Hubner und Elias Wolf für ein stimmungsvol les Konzert. Die musikalische Leitung lag bei Haidu, der aus Angenrod stammt und an der Hochschule für Musik in Würzburg studiert hat. Mit einem Festpräludium von Louis Lewandowski (* 1894) startete das Programm und führte auf spielerische Art in das Programm ein. Es folgten Synagogengesänge von Emmanuel Kirschner (* 1938) und ein »Lied für den Sabbat« von Franz Schubert. Haidu erläuterte dazu, dass Schubert das Stück für seinen Freund Salomon Sulzer geschrieben hat, dem bedeutendsten Sänger an der Wiener Synagoge.

Dieser musikalische Austausch klang auch beim Kirtorfer Konzert immer wieder an. Da war die kraftvolle Stimme von Abramowicz bei hebräischen Synagogenliedern, darunter das bekannte Kol Nidre. Dazu kamen virtuos dargebotene Orgelstücke, denen die Herkunft aus jüdischer Liturgie kaum noch anzumerken war. Dann gab es Lieder, in denen sich deutsche und hebräische Passagen abwechselten.

Ein Höhepunkt war die berührende »Deutsche Kedusha« von Lewandowski mit Wechsel von Chor und Soli, der Anrufung Gottes auf Deutsch und Passagen aus der Tora auf Hebräisch. Da ahnte man, was Musiker vor über 150 Jahren in die jüdischen Gottesdienste geführt hat. So wurde das Konzert zu einer kleinen Tour durch eine Zeit, als sich einige jüdische Gemeinden im deutschen Sprachraum aufmachten, Elemente aus christlichen Gottesdiensten zu übernehmen. Die Veranstalter waren begeistert und bewegt, wie Helmut Meß vom Heimatverein zum Ausdruck brachte. Er überreichte Geschenktaschen mit Leckereien an die Künstlerinnen und Künstler. Pfarrerin Rahel Burgholz freute sich über »ein wunderschönes Konzert«, das auch ein kleines Zeichen gegen Antisemitismus setzen sollte. Haidu dankte seine Sangeskollegen aus Würzburg und ganz besonders Isidoro Abramowicz, der sofort bereit war, an dem Konzert in der oberhessischen Kleinstadt mitzuwirken. Er ist Kantor der Synagoge Pestalozzistraße in Berlin.



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